© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2018
https://www.ewnor.de / http://erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Cöslin, 1864 bis 1870 — Kap.8, Dr. Pitam, Reinthaler und Onkel Kullawey

Teil 3 - Cöslin, 1864 bis 1870

Kapitel 8 - Dr. Pitam, Reinthaler und Onkel Kullawey

Eine der originellsten Gestalten unter den Lehrern war der Prorektor und erste Oberlehrer Prof. Dr. Hennicke. Neben Tägert der hochgewachsenste, aber von viel schmalerer Figur als dieser, hieß er nur der Lange. Unverheiratet, war er zarter Gesundheit, auch wie es alten Junggesellen oft geht, wohl übermäßig besorgt für dieselbe. Er galt als ausgezeichneter Grieche. Da er nur in Sekunda, deren Ordinarius er war, und Prima unterrichtete, umgab ihn für die übrigen Klassen der Nimbus einer gewissen Unnahbarkeit. Er war aber auch ein Einspänner, der seine eigenen Wege ging, und auch der Direktor musste wohl oder übel sich in seine Eigenheiten finden. Seine Sekundaner liebten und verehrten ihn. Da er sich pensionieren ließ, als ich nach Sekunda versetzt wurde, habe ich seinen Unterricht nicht mehr genossen.

Sein Nachfolger war Prof. Dr. Pitam, der also neben dem Direktor die letzten vier Jahre meiner Schulzeit mein hauptsächlichster Lehrer war. Ein trockener Philologe ohne idealen Schwung war er doch ein tüchtiger Lehrer, bei dem man etwas lernen konnte. Dabei imponierte uns sein sittlicher Ernst. Trägheit, Unaufmerksamkeit und sonstige Ungehörigkeit rügte er als sittliche Verfehlung oder sittlichen Mangel. Besonders unerbittlich war er gegen jedes versteckte Wesen. Er appellierte an unser Ehrgefühl, wenn irgendeine Ungehörigkeit vorkam und der betreffende sie nicht selbst meldete, und es wurde deshalb bei uns Ehrensache, das unweigerlich zu tun. Bei mir gefiel ihm der Ausdruck innerlicher Beteiligung beim Übersetzen. Wir lasen im ersten Semester in Sekunda die erste catilinarische Rede Sallusts, und ich gab beim Übersetzen den rhetorischen Ausdruck wieder. Auch rühmte er meinem Vater wiederholt mein gutes Betragen. Später sank ich etwas in seiner guten Meinung, da er mich, ich weiß eigentlich nicht, aus welchem Grunde, für windiger hielt als meinen Bruder Alexander. Nach Direktor Röders Tode wurde er zu dessen Nachfolger ernannt. Wie wir ihm früher schon unsere Liebe und Verehrung bezeigt, so taten wir's bei dieser Gelegenheit durch Darbringung eines Fackelzuges. Aber er war nicht zu seinem Glück Direktor geworden. Er war, wie gesagt, ein tüchtiger Lehrer, aber zum Direktor einer Anstalt fehlte ihm das Zeug. Hindernd trat ihm schon seine Körperbeschaffenheit in den Weg. Er hatte von Jugend auf ein steifes Bein, und so lahmte er spürbar. Dazu fehlte ihm die Gabe der freien Rede, die seinem Vorgänger in so hohem Maße eigen gewesen war. Seine Reden, die er bei öffentlichen Gelegenheiten hielt, musste er ablesen. Das alles erschwerte ihm öffentliches Auftreten und ließ ihn das möglichst vermeiden. Vor allen Dingen aber wurde seine Kraft durch ein wahrhaft tragisches Verhängnis gelähmt. Als er zum Direktor ernannt wurde, äußerte er meinem Vater gegenüber, dem er seine Ernennung zum guten Teil verdankte, er hoffe, anders als sein Vorgänger, seinen Schülern auch ein Haus bieten zu können. Und gerade an dem Tage seiner Einführung wurde durch ein wahrhaft lächerliches Missverständnis der Grund zu einem Zerwürfnis zwischen ihm und seiner Frau gelegt, das, so viel ich weiß, nicht wieder behoben worden ist. Seitdem war seine Kraft gebrochen, und das übte seine Rückwirkung auf die Verhältnisse im Gymnasium, mit dem es seitdem abwärts ging. Ich habe das nicht mehr durchgemacht. Aber durch meinen Vater und meine jüngeren Brüder erfuhr ich genug davon. Alexander und ich pflegten später wohl scherzend zu sagen, mit uns sei der gute Geist vom Cösliner Gymnasium gewichen.

Die dritte ordentliche Lehrerstelle, die, als ich Untertertianer war, unbesetzt war, wurde Oktober 1865 wieder besetzt mit einem Theologen, Dr. Stürzebein, der aber ziemlich bald die Stelle mit dem kurz darauf zur Erledigung gekommenen Archidiakonat an St. Marien vertauschte und auch von hier bald auf die Oberpfarrstelle zu Nauen im Regierungsbezirk Potsdam abging, wo er als Superintendent gestorben ist. Als sein Nachfolger wurde Ostern 1867 Reinthaler eingeführt, Sohn des Kantor Germaniae und Begründers des Lutherhauses in Erfurt, ebenfalls ein Theologe. Er erhielt den Religionsunterricht in den beiden oberen Klassen, in Prima überdies den Unterricht im Deutschen. Nach dem ledernen Unterricht des guten alten Hüser waren uns Reinthalers Religionsstunden eine wahre Erquickung. Hier trat uns Feuer und Wärme entgegen. Auch der deutsche Unterricht war anregend. Leider entsprach der Unterrichtsgabe Reinthalers seine Persönlichkeit nicht. Er hatte etwas Hämisches und Leidenschaftliches und hielt sich nach verschiedenen Seiten wenig in Zucht. Abschreckend und auf lange hinaus meine Verehrung für ihn beeinträchtigend trat mir das zuerst auf einer Turnfahrt entgegen, die das Gymnasium wie fast alljährlich im Sommer 1867 machte. Ihr Ziel war Rügenwalde, und sie dauerte von Freitagnachmittag bis Sonntagabend. Überlieferungsgemäß durften die Schüler bei solch einer Turnfahrt sich etwas freier bewegen. Rauchen wurde den größeren Schülern wenigstens nachgesehen. Da war es Reinthaler, der sich durch seinen Rigorismus unliebsam bemerklich machte. Was dem Fass den Boden ausschlug, war, dass er bei dem Aufenthalt der Schule auf der Rügenwalder Munde sich sinnlos betrank und in diesem Zustande sich der ganzen Schule präsentierte. Dadurch verscherzte er sich einen guten Teil der Achtung bei seinen Schülern, und bei den späteren Skandalen in Cöslin spielte auch er wenigstens eine passive Rolle.

Ein Inventarstück des Gymnasiums darf ich zum Schluss nicht unerwähnt lassen. Das war der alte Schuldiener Kullawey, Onkel Kullawey genannt. Ich sehe ihn noch, wie er die Schulglocke zum Beginn und Schluss der jedesmaligen Unterrichtsstunde läutete, majestätisch den Stab schwingend und dann zärtlich zur Glocke emporsehend. Schon von weitem hörte man es am Klang, und im Unterschied von dem Läuten der Elementarschule konnte man es beobachten, dass hier ein Meister seine Geschäfte waltete. Zu den Gymnasiasten stand er in einem wahrhaft väterlichen Verhältnis. Mein Engelchen war seine gewöhnliche Anrede. Aber Schlauheit war seine Sache nicht. Als Reinthaler einmal als Thema des deutschen Aufsatzes die Frage proponierte: Wer ist dumm?, sagte er: Lösen Sie die Aufgabe aber nicht dadurch, dass Sie eine Person nennen, etwa: Kullawey ist dumm.