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Cöslin, 1864 bis 1870 — Kap.7, Onkel Zelle und Dr. Trägert

Teil 3 - Cöslin, 1864 bis 1870

Kapitel 7 - Onkel Zelle und Dr. Trägert

In Obertertia lernte ich auch zuerst den Unterricht von Onkel Zelle kennen - diesen Beinamen führte er im ganzen Gymnasium wegen seiner Gemütlichkeit und Behaglichkeit - den ich bis dahin nur als Gesangslehrer gehabt hatte. Subrektor und dritter Oberlehrer hatte er in den oberen Klassen den Unterricht in den neueren Sprachen, in Sekunda auch Deutsch und Geschichte. Er war vielleicht der vielseitigste von unseren Lehrern, wusste und konnte alles, nur nicht - unterrichten. Als ich die erste Unterrichtsstunde bei ihm hatte, war ich in einem Staunen über das Summen, das während der ganzen Stunde durch die Klasse ging. Er hörte nicht sehr scharf, und so unterhielten wir uns ganz ungeniert mit halblauter Stimme, während er unterrichtete. Trieben wir's zu arg, oder ertappte er einen auf einer Unaufmerksamkeit, so zog er sein Notizbuch aus der Tasche, und es gab einen Kuchen, wie wir sagten. Er selbst nannte sein Notizbuch sein Kerbholz und erklärte uns die Zeichen, die er sich darin machte. Zwei Hörner malte er dem an, der sich etwas zuschulden kommen ließ. Machte er es gar zu grob, so gab es ein Horn, denn, die Tiere mit einem Horn sind viel seltener als die mit zwei Hörnern. Überhaupt ließ er sich trotz seiner Harthörigkeit kein X für ein U machen. Denn umso schärfer sah er, beobachtete seine Schüler auch außerhalb seines Unterrichts, kannte wie ihre Vornamen so auch ihre Spitznamen und sonstige Eigentümlichkeiten. Er wusste, was er erfahren hatte, bei passender Gelegenheit in verblüffender Weise anzubringen. Wie er selber gern neckte, so ließ er sich auch eine schlagfertige Antwort, selbst wenn sie etwas dreist war, gefallen. Ich fühlte mich insofern ihm zu Dank verpflichtet, als er mich von einem Spitznamen befreite, der, zu Haus mir beigelegt, durch Pensionäre, die wir ins Haus nahmen, in die Schule gekommen war und zu meinem nicht geringen Ärger nun auch dort mich verfolgte. Ich hatte auf mein französisches Exerzitienheft geschrieben: Thèmes français par Jean Dittrich. Seitdem nannte er mich stehend Jean, und dieser Name wurde für mich gang und gäbe und verdrängte jenen Spitznamen. Gelernt habe ich aber nicht viel bei ihm. Er war sich seiner Schwäche auch bewusst, und als wir unsere französische Abiturientenarbeit schrieben, nahm er eine kurz vorher angeschaffte neue Wandkarte aus dem Schrank und studierte sie, indem er uns ostentativ den Rücken zukehrte, damit wir uns Hilfe suchen könnten, die er nicht wissen durfte. Wir blieben aber ehrlich. Er war ein großer, dicker Mann, schnupfte stark, so dass seine Nase einer großen Erdbeere glich. Eine silberne Schnupftabaksdose hatte er stets in den Händen, und in den Falten seines Rockes und VorhemdsAls Vorhemd oder auch Hemdbrust bezeichnet man ein Kleidungsstück, welches um die Jahrhundertwende (1900), aber auch bereits vorher getragen wurde. Es besteht meist aus stoffüberzogenem Karton und wird zwischen Weste und Hemd getragen und auf dem Rücken mit Schnüren zusammengebunden. Siehe Wikipedia.org [13] lag der Schnupftabak. Sehr sauber sah er infolgedessen nicht gerade aus. Als er einst den Einfall hatte, auf den Maskenball zu gehen, und den Konditor Antonio Fopp, bei dem Offiziere und Beamte viel verkehrten und der wegen seines schlagfertigen und beißenden Witzes bekannt war, wegen des von ihm zu wählenden Maskenanzuges zu Rate zog, antwortete dieser: Ich will Ihnen was sagen: Waschen Sie sich, ziehen Sie sich ein reines Vorhemd an, kämmen Sie sich, dann kennt Sie kein Mensch!

Nahe mit ihm befreundet, aber eine ganz andere Persönlichkeit, war der Mathematiker Dr. Tägert, zweiter ordentlicher Lehrer, ein großer, stattlicher Mann, der sich so steif hielt, als hätte er eine Elle verschluckt. Auch er hatte ein vielseitiges Wissen, das wohl noch gediegener war als bei Zelle, wenn er es auch nicht bei jeder Gelegenheit anzubringen wusste wie dieser. Er hatte etwas Steifes in seiner ganzen Art sich zu geben. Auch der scherzhafte Ton, den er wie Zelle den Schülern gegenüber anzuschlagen liebte, war nicht ohne Steifheit und stärker ironisch. Man nahm sich ihm gegenüber auch nicht so viel heraus. Hatte er etwas deduziert, so pflegte er wohl zu schließen: Nun, das haben wir alle nicht verstanden, worauf natürlich die ganze Klasse wie ein Mann antwortete: Ja. Zuweilen nahm er auch einen einzelnen aufs Korn und sagte: N.N. hat das aber nicht verstanden, worauf derselbe natürlich prompt mit Ja antwortete. Die Physikstunden, die er gab, fielen auf den Nachmittag und brachten zumal im heißen Sommer für die Schüler die Versuchung zu einem Nachmittagsschläfchen mit sich. Einer legte einst den Kopf ganz ungeniert auf den Tisch. Tägert, der das sah, rief in seinem gewöhnlichen Ton ihm zu: Nun, N.N., Sie schlafen jetzt nicht, worauf der Angeredete, meinend, dass der Lehrer sein Verstandenhaben anzweifele, emporfuhr und Ja antwortete. Natürlich allgemeine Heiterkeit. - Sein Unterricht war gediegen und gründlich, aber durch seine Pedanterie und Umständlichkeit für viele zu schwer. Er hielt sehr streng auf logisch und sprachlich richtige Antworten und spottete unbarmherzig über jede Unvollständigkeit und Inkorrektheit. Wenn einer eine mathematische Formel an die Wandtafel schrieb und etwa vergaß zu bemerken, wo eine Klammer geschlossen werden sollte, folgte prompt aus Tägerts Munde: Klammer offen gelassen. Besonders konnte er - er war Vorpommer - sich über die hinterpommersche Angewohnheit, das R am Schlusse nicht auszusprechen, ereifern. Er fügte da wohl hinzu: Oder heißt es Klamma? Oder Klammä? Die Verhältnislehre, die er nach einem von ihm ausgearbeiteten Programm dozierte, und von der er voraussetzte, dass sie gedruckt in den Händen der Schüler wäre, habe ich bei seinem Unterricht nicht recht kapieren können. Infolgedessen wollten bei mir auch die Ähnlichkeitssätze nicht haften. Erst als ich später meinen eigenen Sohn darin zu unterrichten hatte, verstand ich sie und war überrascht, dass sie nicht schwerer sei. Bei all seiner scheinbaren Rauheit und Schroffheit hatte Tägert ein weiches Herz. Er kam später als Direktor an das Realgymnasium zu Siegen.


[13] Als Vorhemd oder auch Hemdbrust bezeichnet man ein Kleidungsstück, welches um die Jahrhundertwende (1900), aber auch bereits vorher getragen wurde. Es besteht meist aus stoffüberzogenem Karton und wird zwischen Weste und Hemd getragen und auf dem Rücken mit Schnüren zusammengebunden.