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Cöslin, 1864 bis 1870 — Kap.3, Zwei neue Gymnasiasten

Teil 3 - Cöslin, 1864 bis 1870

Kapitel 3 - Zwei neue Gymnasiasten

Am folgenden Tage, Dienstag den 11. Oktober, erfolgte der Schulanfang, und damit begann der Ernst des Lebens. Freitag vorher waren wir vom Direktor, bei dem Vater uns angemeldet hatte, zur Prüfung zitiert. Mit klopfendem Herzen betraten wir die geweihten Räume. Oben an der Treppe blieben wir erwartungsvoll stehen, bis die Tür zum Zimmer des Direktors sich öffnete und Direktor Dr. RöderFriedrich Röder (1808-1870), ein Philologe und Gymnasiallehrer. Er leitete nacheinander die Gymnasien in Neustettin und Köslin und war 1848/1849 für den Neustettiner Wahlkreis Abgeordneter in der Frankfurter Nationalversammlung.Siehe Wikipedia.org [6], ein Fünfziger mit vorne angegrautem Haar, von seinem Lehnstuhl aus, den er vor seinem Schreibtisch stehen hatte, uns hereinwinkte. Er blieb während der Prüfung in seinem Stuhl sitzen und ließ uns neben seinem Schreibtisch stehen. Zwei Stunden lang prüfte er uns in allen Gebieten. So gefährlich wie wir gedacht hatten war es nicht. Er hatte eine freundliche, ermunternde Art. Nur wenn wir eine sehr falsche Antwort gaben, oder sonst unsere Unwissenheit dokumentierten, lehnte er sich in seinem Stuhl erstaunt zurück. Das Ergebnis war leidlich, wahrscheinlich so wie es Vater vorher mit ihm ausgemacht hatte. Alexander wurde nach Obertertia aufgenommen, für mich aber Untertertia für passender gefunden. Die Eltern zeigten jedenfalls keinerlei Enttäuschung sondern waren ganz befriedigt, als wir ihnen das Ergebnis mitteilten.

Das Gymnasium in Cöslin anno 1903
Das Gymnasium in Cöslin anno 1903

Am Dienstag begaben wir uns ins Gymnasium zum Schulanfang. In einem Zimmer mussten sich die Neuaufgenommenen versammeln. Da merkten wir erst, dass wir für unser Alter doch ziemlich weit waren. Wir wurden verschiedentlich von andern angeredet: Wohin kommt ihr, nach Quinta oder nach Sexta? Wir wurden allerdings auch wohl noch für jünger gehalten als wir waren, da die Pommern im Durchschnitt größer sind als die Schlesier. Als die Schulglocke ertönte, begab sich alles hinauf in die Aula, an deren oberen Ende das mit den Büsten Luthers und Melanchthons geschmückte Katheder stand und an deren unterer Wand zwei Ölbilder, eins einen früheren Lehrer des Gymnasiums, und einen Neulateiner aus der Zeit der Nachrenaissance darstellend, hingen. Im Übrigen war sie wenig imponierend, wie das ganze Schulgebäude. Nach Absingung eines geistlichen Liedes, das ein Oberprimaner auf dem Flügel begleitete, bestieg der Direktor das Katheder zu einer kurzen Ansprache, und dann erfolgte die klassenweise Vorstellung der Neuaufgenommenen, die dann mit ihrer Klasse in das betreffende Klassenzimmer entlassen wurden.

So waren wir denn wohlbestallte Gymnasiasten. Die Schule hatte damals einen ziemlich guten Ruf, hauptsächlich wohl durch das Verdienst des Direktors. Dr. Röder war in der Tat ein geistvoller Mann von vielseitiger Bildung und mit der Gabe, aus dem Schatz seines Wissens mitzuteilen. Als ich zuerst in seinen Unterricht kam, in Sekunda, wo er den Virgil mit uns las, merkte ich zuerst, dass Unterricht interessant und anregend sein könne. Dabei durfte ich mich von Anfang an seiner Gunst erfreuen. Schon bei der Aufnahme sagte er mir, ich hätte trotz mancher Lücken ihm einen guten Eindruck gemacht, und wenn er in die Klasse kam zu revidieren, schnitt ich regelmäßig bei ihm gut ab und er empfahl mich wohl dem gerade unterrichtenden Lehrer als einen hellen Kopf. Ich war durchaus kein Musterschüler, aber wenn der Direktor da gewesen war, fühlte ich mich jedes Mal gehoben. Als ich vollends in seinen direkten Unterricht kam und er an mir eine poetische Ader entdeckte, - ich hatte, als er einst aus dem Unterricht abgerufen war und uns für die Zeit seiner Abwesenheit aufgab, das Stück aus Virgil, das gerade zur Behandlung kam, schriftlich zu übersetzen, einige Hexameter geschmiedet - hatte ich definitiv bei ihm gewonnen. Er ermunterte mich, einzelne Episoden in Balladenform wiederzugeben und beurteilte meine Versuche stets mit großem Wohlwollen, mit zu großem, dünkt mich, denn mein Konkurrent auf dem poetischen Gebiet, Hermann KühnHermann Kühn (1851-1937), ein Politiker und Staatssekretär im Reichsschatzamt des Deutschen Kaiserreichs.Siehe Wikipedia.org [7], der sich hernach allerdings auf einem sehr weit entlegenen Gebiete auszeichnete, denn er brachte es zum Schatzsekretär des deutschen Reiches, der aber nach meinem und anderer Urteil auch bessere Verse machte als ich, wurde längst nicht so vom Direktor anerkannt wie ich.


[6] Friedrich Röder (1808-1870), ein Philologe und Gymnasiallehrer. Er leitete nacheinander die Gymnasien in Neustettin und Köslin und war 1848/1849 für den Neustettiner Wahlkreis Abgeordneter in der Frankfurter Nationalversammlung.
[7] Hermann Kühn (1851-1937), ein Politiker und Staatssekretär im Reichsschatzamt des Deutschen Kaiserreichs.