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Cöslin, 1864 bis 1870 — Kap.14, Mancherlei Torheiten

Teil 3 - Cöslin, 1864 bis 1870
Kapitel 14:
Mancherlei Torheiten

Dass es an mancherlei Torheiten nicht fehlte, wird niemanden wundern, der die Jugend kennt. So nahmen wir auch an einer Schülerverbindung teil, die sich unter Primanern und Sekundanern gebildet hatte. Verbindungsbänder mussten natürlich zu den Versammlungen angelegt werden, die aber ganz harmloser Natur waren. Sie bestanden darin, dass wir mit verteilten Rollen lasen, wozu Rechtsanwalt Sachse uns an den betreffenden Abenden sein Geschäftszimmer zur Verfügung stellte. Daneben wurde eine Bierzeitung verfasst. Regelmäßige Kneipereien fanden nicht statt. Höchstens wurde ein jährliches Stiftungsfest gefeiert. Ob es öfter vorkam, weiß ich nicht einmal. Ich habe nur eins erlebt, wo allerdings auf einer außerhalb der Stadt gelegenen Wirtschaft eine solenne KneipeEin feierliches Besäufnis [28] stattfand. Dass wir beiden, Alexander und ich, da es an dem Abend ein Wetter war, dass man keinen Hund vors Haus jagen mochte, ihr fern blieben, trug uns, als die ganze Geschichte herauskam, sehr unverdienterweise den Ruhm besonderer Solidität und gewissenhafter Beobachtung der Schulgesetze ein. Der Primus der Sekunda wurde abgesetzt. Dem Primus omnium, dem braven und ursoliden Karl Braun, wurde, weil er doch gewissermaßen eine öffentliche Person war, diese Maßregelung vom Direktor erspart, und er kam mit dem Ausdruck des Bedauerns, das dieser ihm aussprach, davon.

Übrigens haben wir auch zu Hause in Cöslin mit verteilten Rollen gelesen. Wie in Bärsdorf schon wurde auch in Cöslin abends gemeinsame Unterhaltung am Familientisch gepflegt. Den Faust las Vater uns vor. Andere Dramen wurden wie gesagt mit verteilten Rollen gelesen. Ich glaube, mehr als einen Winter hindurch wurde jeder Sonnabend dazu verwandt. Außer den Familiengliedern nahmen Lindemann, Hermann Kühn, Böhmer und Sachse daran teil. Wenn das Drama nicht gar zu lang war wie Wallensteins Tod oder Don Carlos, wurde es an einem Abend zu Ende gebracht. In der Mitte fand wohl eine Pause statt, wo die angestrengten Kehlen durch herumgereichte Äpfel angefrischt wurden.


[28] Ein feierliches Besäufnis