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Lesum, 1906-1923 — Die Hochzeit von Thekla und Ernst

Teil 12 - Lesum, 1906-1923
Kapitel 10
Die Hochzeit von Thekla und Ernst

Die Hochzeit wurde auf den 25. Juni 1914 angesetzt. Manche Störungen, die uns drohten, wurden noch glücklich beseitigt. Eine Störung war es zwar nicht, dass Gerhard, der auf die Pfarre Wriedel bei Uelzen ernannt und nach dem kurzen Intermezzo einer Vertretung in Syke dort am Trinitatisfeste eingeführt worden war, sich wenige Tage vor der Hochzeit mit Gertrud Nebelung aus Schiffdorf verlobte. Immerhin klagten seine Geschwister, dass er infolgedessen geringeren Eifer für die Ausgestaltung des Polterabends gezeigt hätte. Eine ernstere Störung drohte schon dadurch, dass Annelise wenige Wochen vorher an Scharlach erkrankte und ins Blumenthaler Krankenhaus gebracht werden musste. Elisabeth war, während diese Anordnung getroffen wurde, zu einer Kur in Bad Harzburg und hatte bei Ellys Nichte Luise Odebrecht freundliche Aufnahme gefunden, wie ich bei einem Besuch daselbst mich auch hatte überzeugen können. Bei ihrer Rückkehr reiste ich ihr bis Bremen entgegen und teilte ihr den störenden Zwischenfall mit. Glücklicherweise war der Verlauf der Krankheit günstig, sodass sie einige Tage vor der Hochzeit entlassen wurde.

Ernst und Thekla Crusius (1916)
Ernst und Thekla Crusius (1916)

Ich fuhr Sonnabend vorher hin, holte mir von dem leitenden Arzt Bescheid und teilte ihn Annelise über den Kordon hin, der sie, wenn er ihr auch Bewegung in freier Luft gestattete, doch von der Außenwelt trennte, mit. Sie tanzte vor Vergnügen, als sie es vernahm, und folgte, sobald sie ihre Sachen gepackt, nach Hause nach. Aber ein trübender Schatten fiel dadurch auf unsere Festfreude, dass, wie es sich in letzter Stunde herausstellte, Käthe verhindert wurde, an der Hochzeit teilzunehmen. Schon als sie gleich nach Theklas Verlobung den Bußtag benutzt hatte, um von Hamburg zu uns herüber zu kommen, hatten sich die ersten Zeichen der unheimlichen KrankheitBei Käthes Krankheit handelte es sich, so wurde uns erzählt, um Epilepsie. [39] gezeigt, die ihr junges Leben zerstören sollten. Der Arzt, der sie untersuchte, stellte Überarbeitung fest und veranlasste sie zur Einschränkung ihrer Studien. Eine Blinddarmoperation, die Tina Gleiß' Geschwister kostenlos vornahmen und bei der sich auch ein Bruch zeigte und beseitigt wurde, schien zuerst Besserung zu bringen. Aber kurz vor Theklas Hochzeit kehrten die Anfälle wieder, so dass sie nicht kommen durfte, sondern vor allen Dingen einen ruhigen Aufenthalt suchen musste.

Noch erkannten wir nicht die ganze Schwere ihres Leidens und hofften auf Besserung. So bedauerten wir zwar Käthes Fernbleiben, wurden aber doch in unserer Festfreude dadurch eigentlich nicht gestört.

Aussteuer-Besteck mit den Initialen TD (Thekla Dittrich)
Aussteuer-Besteck mit den Initialen TD (Thekla Dittrich)

Ich war in der Pfingstwoche vorher wie gewöhnlich zur Engeren Konferenz in Leipzig und im Anschluss daran in Dresden bei Grete. Diese, die natürlich vor allem bei der Hochzeit nicht fehlen durfte, begleitete mich auf dem Rückweg ein Stück Weges, um erst einen Abstecher nach Bremervörde zu Emmi Wilhelmi zu machen, während ich nach Hannover zur Pfingstkonferenz fuhr. Dort forderte mich Schwager Plathner auf, beim Hermannsburger Missionsfest, das in der folgenden Woche und eine Woche vor der Hochzeit stattfand, die Predigt in seiner Kirche zu halten. So stand ich denn zum ersten Mal auf Ludwig Harms' Kanzel, auf der ich später noch so oft stehen sollte. Ich traf in Hermannsburg mit Gerhard zusammen und begleitete ihn von da nach Wriedel, um sein Pfarrhaus und seine Kirche kennenzulernen. Magdalene führte ihm zunächst den Haushalt. Er wartete aber in den Tagen mit Spannung auf das Jawort aus Schiffdorf. Schon am Dienstag darauf führte er uns seine Braut in Begleitung von deren Mutter zu. Natürlich wurde sie sofort zur Hochzeit geladen.

Nun füllte sich das Haus mit Hochzeitsgästen. Es war doch eine stattliche Anzahl, die zusammenkam. Schon die beiderseitige nächste Verwandtschaft bildete eine ziemliche Hochzeitsgesellschaft. Wären nicht verschiedene Absagen erfolgt, so hätte auch unsere vergrößerte Essstube nicht hingereicht, die Gäste zu fassen. Denn außer der Verwandtschaft, zu der trotz des schwer zu beziffernden Verwandtschaftsgrades auch Müllers aus Olslebshausen zu zählen waren, durften die beiden Pastorenehepaare, zu denen unser Schwiegersohn in amtlicher Beziehung gestanden hatte, und denen auch wir besonders nahe getreten waren, Cuntz' in Aumund, damals bereits auf die Superintendenturpfarre übergegangen, und Hops' in Blumenthal nicht fehlen, ebenso wenig die alten Freunde und abermaligen Nachbarn Goßmanns wie auch einige Universitätsbekannte unseres Schwiegersohnes.

Der 24. Juni [1914], der Polterabendtag, war zugleich Geburtstag meiner Schwester Grete. Die wurde deshalb noch besonders gefeiert. Ich hatte dazu ein kleines Festspiel, Die Huldigung der Künste, gedichtet. Der Gedanke war, dass meine sieben Töchter als Vertreterin der Sieben KünsteDie Sieben Freien Künste sind ein in der Antike entstandener Kanon von sieben Studienfächern. Aus den Freien Künsten bestand traditionell die einem freien Mann ziemende Bildung, ihre Siebenzahl ist aber erst in der Spätantike bezeugt. Im mittelalterlichen Lehrwesen galten sie als Vorbereitung auf die Fakultäten Theologie, Jurisprudenz und Medizin.Klick hier für Wikipedia [40] (nach Schillerschem im Vorbild) der Tante, die ja in der Kunststadt wohnte und selber so viel Kunstinteresse hatte, huldigen sollten. Da Käthe verhindert war und Thekla als Braut des Abends sich nicht dazu verstehen wollte, aktiv aufzutreten, musste in letzter Stunde für die beiden Ersatz geschafft werden. Gut, dass bei solchen Gelegenheiten der gute Wille für die Tat genommen zu werden pflegt. Sonst hätte die Aufführung, der man die Eile der Vorbereitung anmerkte, wenig befriedigt. Der eigentliche Polterabend schloss sich an. Nach einer sächsischen Hochzeitssitte, die wir bei Schwager Albert [Borchers]' Hochzeit in Planitz kennen gelernt hatten und die wir gern übernahmen, trug die Braut an diesem Abend einen Rosenkranz, den Eva ihr mit einem Gedichtchen überreichte. Den Brautkranz brachte natürlich Magdalene, den Schleier Irmgard mit einem von Hedwig Albertz [geb. Rogge] verfassten Gedichte. Ein Festspiel, das Gerhard komponierte und das den Reflex, den die Hochzeit in einer benachbarten Gastwirtschaft nebst Materialwarenhandlung gefunden, darstellen sollte, eröffnete dann die eigentlichen Polterabendscherze. Martin trug im Bänkelsängerstil die Verlobungsgeschichte vor. Ein Märchenspiel, von Irmgard gedichtet, Jorinde und JoringelJorinde und Joringel ist ein Märchen. Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm und stammt aus Johann Heinrich Jung-Stillings Autobiographie Heinrich Stillings Jugend von 1777.Klick hier für Wikipedia [41], das eine Geschichte für das Brautpaar gehabt, folgte. Natürlich nahm auch das Dorf durch Werfen von alten Töpfen und Scherben teil, das aber so ausgiebig und bis in so späte Abendstunde ausgeübt wurde, dass ich schließlich um Aufhören des Spaßes bitten musste. Tatsächlich waren die Zugänge zum Hause durch die Scherbenmassen völlig verschüttet. Der freundliche Nachbar Jan Meyer war am folgenden Morgen um vier Uhr auf, um wieder freie Bahn zu schaffen.

Die Hochzeit in der Superintendentur war überhaupt eine Sensation. Auch im Bahnzuge unterhielten sich die Leute davon, und bei der Trauung waren die Priechen der Kirche gefüllt von Brautschauern. Zum Trautext hatte sich das Brautpaar selbst die Stelle 1. Könige 8, 57.58Der HERR, unser Gott, sei mit uns, wie er mit unseren Vätern war. Er verlasse uns nicht und verstoße uns nicht. Er lenke unsere Herzen zu sich hin, damit wir auf seinen Wegen gehen und die Gebote, Gesetze und Rechtsentscheide bewahren, die er unseren Vätern gegeben hat. [42] gewählt.

Nach der Trauung hielten wir ein fröhliches Hochzeitsmahl, bei dem viele Tischreden stiegen. Besonderen Beifall fand einen Uttenreuthertanz, denen die fünf Brüder des Bräutigams, wie er sämtlich Erlanger UttenreutherDie Christliche Studentenverbindung Uttenruthia ist eine Studentenverbindung in Erlangen. Sie wurde 1836 im Bierdorf Uttenreuth bei Erlangen als erste nichtschlagende Verbindung Deutschlands gegründet.Klick hier für Wikipedia [43], mit ihrem Vater [Ernst-August Crusius] und zwei Uttenreuther Universitätsfreunden des Bräutigams aufführten. Thekla wurde bei dieser Gelegenheit auch die Uttenreuther Schleife verlieren. Auch nach der Abreise des jungen Paares, das eine Hochzeitsreise in die fränkische Schweiz vorhatte, blieb die Hochzeitsgesellschaft bis zum späten Abend beisammen. Schließlich konnte die Jugend sich auch ein Tänzchen auf dem Hausflur nicht versagen. Tante Elly setzte sich ans Pianino, das aus der Essstube auf den Hausflur gebracht worden war, und spielte auf. Besonders die gute Großmama [Thekla Borchers geb. von Stoltzenberg] genoss die Hochzeitstunden mit vollen Zügen. Bei ihren fast 84 Jahren wurde es ihr nahe gelegt, sich beizeiten zurückzuziehen. Sie fühlte aber keine Müdigkeit und hielt bis zum Ende aus.

Käthe und Irmgard Dittrich (um 1912)
Käthe und Irmgard Dittrich (um 1912)

Am Tage nach der Hochzeit machte die Hochzeitsgesellschaft, soweit sie noch beisammen war, einen Ausflug nach Leuchtenburg, am Sonntag eine Motorfahrt auf der Lesum nach Vegesack. An diesem Tage fand das Attentat in SarajevoBeim Attentat von Sarajevo am 28. Juni 1914 wurden der Thronfolger Österreich-Ungarns Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin Sophie Chotek, Herzogin von Hohenberg, bei ihrem Besuch in Sarajevo von Gavrilo Princip, einem Mitglied der serbisch-nationalistischen Bewegung Mlada Bosna, ermordet. Das von der serbischen Geheimgesellschaft Schwarze Hand geplante Attentat in der bosnischen Hauptstadt löste die Julikrise aus, die schließlich zum Ersten Weltkrieg führte.Klick hier für Wikipedia [44] statt, das den WeltkriegDer Weltkrieg wird hier ohne Ordnungszahl genannt, denn vom Zweiten Weltkrieg ahnte der Autor nichts. Er musste ihn zum Glück nicht mehr erleben, denn er stab 1936. [45] entzünden sollte, dessen Ausbruch dann die Hochzeitsreise unseres jungen Paares abbrechen sollte. Wir hatten in der Zwischenzeit noch Besuch von einem früheren jungen Mädchen, Henny Lutz, inzwischen verheiratet mit Missionar Heydenreich in Australien, mit dem ich sie schon auf dem Hermannsburger Missionsfest getroffen hatte. Sie wollten von Hermannsburg über Nordamerika nach Australien zurück. Wie sie nach Ausbruch des Krieges wieder nach Hause gekommen sind, entzieht sich meiner Kenntnis. Dann logierte sich acht Tage vor dem Ausbruch des Krieges noch eine Frau von Lüderitz mit ihrer Tochter, verlobt mit einem jungen Arzt, Dr. Walther aus Livland, der zurzeit eine Assistentenstelle in Bremen hatte, bei uns ein. Frau von Lüderitz gebrauchte eine Kur mit Landaufenthalt, und der Schwiegersohn, der eine Stelle suchte für sie, wo er seine Braut öfter sehen konnte, vermittelte es. An dem Sonnabend, an dem Mutter und Tochter bei uns eintrafen, brachte ein Extrablatt die Nachricht, dass die Serben das Ultimatum Österreichs angenommen hätten. Damit schien die drohende Kriegsgefahr beseitigt, und ich weiß noch, mit welchen Empfindungen ich am Sonntag in Hambergen, wo ich zur Vertretung predigte, mit der Gemeinde die Worte aus dem Paul Gerhardtschen Liede sang: Er hält mit seiner Hand den güldnen, werten, edlen Fried in unserm Vaterland. Aber schon als ich nach der Kirche auf dem Bahnhof Oldenbüttel mit einigen Lehrern zusammentraf, hörte ich von denselben, dass jene Nachricht verfrüht war, und das Schicksal nahm seinen Lauf. Schlag für Schlag folgten sich die Ereignisse. Die Mobilmachung wurde angeordnet. Eins von unsern Kindern, die auf Ferienreisen waren, nach dem anderen kam nach Hause. Auch Käthe traf ein, und nicht nur, weil unser Haus keinen genügenden Platz mehr bot, sondern auch, weil bei längerem Verweilen bei uns ihre eigene fernere Reisemöglichkeit in Frage gestellt war, mussten wir unsere Logiergäste bitten, ihren Aufenthalt bei uns abzubrechen.

Doch ehe ich zu unsern Kriegserlebnissen komme, muss ich noch nachholen, was von meinem amtlichen Leben in der Vorkriegszeit erwähnenswert ist.


[39] Bei Käthes Krankheit handelte es sich, so wurde uns erzählt, um Epilepsie.
[40] Die Sieben Freien Künste sind ein in der Antike entstandener Kanon von sieben Studienfächern. Aus den Freien Künsten bestand traditionell die einem freien Mann ziemende Bildung, ihre Siebenzahl ist aber erst in der Spätantike bezeugt. Im mittelalterlichen Lehrwesen galten sie als Vorbereitung auf die Fakultäten Theologie, Jurisprudenz und Medizin.
[41] Jorinde und Joringel ist ein Märchen. Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm und stammt aus Johann Heinrich Jung-Stillings Autobiographie Heinrich Stillings Jugend von 1777.
[42] Der HERR, unser Gott, sei mit uns, wie er mit unseren Vätern war. Er verlasse uns nicht und verstoße uns nicht. Er lenke unsere Herzen zu sich hin, damit wir auf seinen Wegen gehen und die Gebote, Gesetze und Rechtsentscheide bewahren, die er unseren Vätern gegeben hat.
[43] Die Christliche Studentenverbindung Uttenruthia ist eine Studentenverbindung in Erlangen. Sie wurde 1836 im Bierdorf Uttenreuth bei Erlangen als erste nichtschlagende Verbindung Deutschlands gegründet.
[44] Beim Attentat von Sarajevo am 28. Juni 1914 wurden der Thronfolger Österreich-Ungarns Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin Sophie Chotek, Herzogin von Hohenberg, bei ihrem Besuch in Sarajevo von Gavrilo Princip, einem Mitglied der serbisch-nationalistischen Bewegung Mlada Bosna, ermordet. Das von der serbischen Geheimgesellschaft Schwarze Hand geplante Attentat in der bosnischen Hauptstadt löste die Julikrise aus, die schließlich zum Ersten Weltkrieg führte.
[45] Der Weltkrieg wird hier ohne Ordnungszahl genannt, denn vom Zweiten Weltkrieg ahnte der Autor nichts. Er musste ihn zum Glück nicht mehr erleben, denn er stab 1936.