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Lesum, 1906-1923 — Viele Konflikte führen schließlich zum Ruhestand

Teil 12 - Lesum, 1906-1923
Kapitel 23
Viele Konflikte führen schließlich zum Ruhestand

Infolge der Visitation 1919 wurde uns eine Mehrarbeit aufgelegt, zu deren Erläuterung ich mehrere Jahre vor dem Kriege zurückgehen muss. Das Bedürfnis nach besserer kirchlicher Versorgung der entfernten Außenorte hatte sich schon seit längerer Zeit geltend gemacht. Bei einer Bibelstunde, die Freyer in Löhnhorst hielt, war ihm dieser Wunsch ausgesprochen worden, und er hatte sich in Veranlassung dessen an Lahusen mit der Bitte gewandt, ihm zum Bau einer Kapelle in Löhnhorst behilflich zu sein, und die Zusage eines namhaften Betrages erhalten. Dadurch ermutigt hatte er sich an andere vermögende Gemeindeglieder, vorzugsweise Besitzer von Bremer Landgütern, gewandt und von denselben gleichfalls die Zusage von Beträgen, teilweise schon die Auszahlung von Summen erhalten. Infolgedessen konnten auch Verhandlungen mit dem Konsistorium eingeleitet werden, das dann auch Vertreter zu einem Lokaltermin schickte. Natürlich regte sich Widerspruch in der Gemeinde, der die Belastung mit neuen Kosten geltend machte und in der Zeitung ziemlich leidenschaftlichen Ausdruck fand. In einer Gemeindeversammlung, die aus der Gemeinde heraus berufen wurde und zu der sich auch Landrat Berthold einfand, konnten wir beruhigende Erklärungen geben und die Notwendigkeit besserer geistlicher Versorgung nachweisen, sodass dieselbe einen im ganzen befriedigenden Verlauf nahm. Die Verhandlungen kamen aber ins Stocken, hauptsächlich, weil Freyer, wie das leider seine Gewohnheit war, seine persönlichen Interessen mit der Sache verquickte. Da es ihm nicht geglückt war, ein Stück des Gartens der ersten Pfarre zu erhalten, sollte ihm das erwähnte Projekt dazu verhelfen, ein Pfarrhaus mit Garten außerhalb von Lesum, wo er nicht mehr jeden zweiten Sonntag visitiert werde, zu bekommen. Einer der reichen Bremer hatte auf sein Betreiben ein Grundstück für Kirche, Pfarrhaus und Pfarrgarten in Leuchtenburg zur Verfügung gestellt, und er wusste auch im Konsistorium für seinen Plan Stimmung zu machen. Ich hielt ihm entgegen, dass er durch Übersiedelung nach Leuchtenburg für den größten Teil seines bisherigen Seelsorgebezirkes ausscheide, da man den Einwohnern von Lesum und anderen der Kirche näher liegenden Ortschaften unmöglich zumuten könne, nach Leuchtenburg hinauszugehen, während sie Kirche und Pfarrhaus in Lesum vor der Tür hätten. Natürlich war eine Kollaboratur oder dritte Pfarrstelle in Aussicht genommen. Es wäre aber der Gemeinde billiger gekommen, wenn erst mal ein Kollaborator nach Leuchtenburg hätte geschickt und dort in einer Mietwohnung untergebracht werden können, als wenn man dort erst hätte ein Pfarrhaus bauen müssen. Als vollends Freyer bei einer Versammlung der Bezirkssynode eine vom Konsistorialbaumeister auf seine Veranlassung gefertigte Zeichnung von Kirche und Pfarrhaus in Leuchtenburg herumreichte, erregte das böses Blut. Durch seinen Weggang nach Arbergen trat die Angelegenheit zunächst in den Hintergrund, und während des Krieges konnte vollends nicht mehr daran gedacht werden. Bei der Visitation 1919 kam die bessere geistliche Versorgung der entfernten Außendörfer wieder zur Sprache. Auch mir hatte ein Gemeindeglied aus Heilshorn bei einem Besuch gesagt, wie gern sie zur Kirche kämen, wenn die Kirche ihnen näher, etwa in Stendorf, läge. So erbot sich Schwerdtmann, wenn dem Kirchenvorstand an der Sache läge, beim Konsistorium einen Lokaltermin zu beantragen, auf dem die Sache verhandelt würde. So kamen denn Präsident [Georg] Florschütz und Oberkonsistorialrat [Viktor] Lampe, und es wurde, da die Mittel für einen Kollaborator nicht zu beschaffen waren, beschlossen, in jedem der beiden Seelsorgebezirke einen Gottesdienst einzurichten, den der betreffende Geistliche an dem Sonntag zu halten hatte, an dem er nicht in Lesum predigte. Statt dass uns also eine Erleichterung gewährt wurde, übernahmen wir eine Mehrarbeit. Für den Gottesdienst in meinem Bezirk wurde die Schule von Werschenrege gewählt. Im zweiten Bezirk stellte der Gastwirt Bruns in Leuchtenburg seinen Saal zur Verfügung. In letzter Stunde wäre das Projekt noch beinah an der Frage des Transportes gescheitert. Ich wollte nicht, dass ein Lesumer uns zu den Gottesdiensten führe, weil der betreffende dann so gut wie immer am Besuch des Gottesdienstes gehindert war, und beantragte daher, dass wechselnd ein Fuhrwerksbesitzer aus einem der in Frage kommenden Dörfer uns holen sollte. Aber die Bauern sind mit ihren Pferden schwierig. Schließlich wurde bestimmt, dass uns für den Weg eine Summe ausgesetzt würde und wir dafür nach unserm Belieben uns befördern ließen. Ich bin meines Wissens stets zu Fuß gegangen. So wurde denn an jedem der beiden genannten Orte alle 14 Tage Gottesdienst gehalten, und besonders in der ersten Zeit waren dieselben stets gut besucht. Kobus verwandte die von Freyer für den Kapellenbau gesammelten Gelder, um den ihm zur Verfügung gestellten Saal für die Gottesdienste würdig herzurichten. Das Schulzimmer in Werschenrege bedurfte ja keiner besonderen Einrichtung. Aber die Werschenreger errichteten unter Leitung des Kirchenvorstehers Schröder auf eigene Kosten auf ihrem Schulhaus ein Türmchen, um eine Glocke daselbst anzubringen, mit welcher der Gottesdienst eingeläutet würde. Eine Glocke hatten wir zur Verfügung. Während des Krieges war nämlich nicht nur eine der beiden Leuteglocken der Lesumer Kirche, es waren auch die beiden Schlagglocken der Turmuhr, abgeliefert wordenUnter dem Motto Gold gab ich für Eisen erfolgte im Ersten Weltkrieg die patriotisch begründete Sammlung von Edelmetallen auf freiwilliger Basis. Ab 1916 wurde die Bevölkerung zur Herausgabe von Hausgerätschaften aus Kupfer, Messing, Bronze und Zinn genötigt. Später wurden dann die Glocken konfisziert.Klick hier für Wikipedia [65] und diese durch Stahlglocken ersetzt worden. Nach dem Kriege brachten wir in Erfahrung, dass die bronzenen Schlagglocken noch zu haben wären. Dieselben wurden deshalb wieder erworben und auf dem Kirchturm neu angebracht. Die eine der beiden Gussstahlglocken wurde zur Leuteglocke für das Schulhaus in Werschenrege verwandt. Am Sonntag Exaudi 1920 fand die Glockenweihe statt. Die Gemeinde versammelte sich vor Beginn des Gottesdienstes im Schulhaus. Wir sangen, wenn ich nicht irre: Lobe den Herrn, den mächtigen König der Ehren, ich trat in die Tür des Schulhauses und hielt eine kurze Ansprache. Nach derselben wurde die Glocke geläutet, und unter dem Geläut zog dann die Gemeinde in das Schulzimmer, wo der Gottesdienst in gewohnter Weise gehalten wurde.

Für die abgelieferte Kirchenglocke erhielten wir Ersatz durch eine Glocke, die ein nach Amerika verzogenes früheres Gemeindeglied stiftete. Eine besondere gottesdienstliche Feier fand für die Weihe nicht statt. Wir begnügten uns damit, die Glocke, als sie bekränzt von Hemelingen her, wo sie gegossen war, hereingefahren wurde, auf dem Marktplatz von der zuvor benachrichtigten Gemeinde feierlich in Empfang nehmen zu lassen, wobei ich einige Worte sprach.

Die Frage der Errichtung eines Kriegerehrenmales trat bald nach der Beendigung des Krieges an uns heran. Dass die einzelnen Ortschaften alsbald Ehrenmale für ihre Gefallenen errichteten, hinderte uns nicht, ein gemeinsames für die ganze Kirchengemeinde ins Auge zu fassen. Nach manchem Hin und Her wurde beschlossen, dasselbe auf dem in der Mitte des Kirchhofs freigelassenen Rondeel, das mit dem es umgrenzenden hohen Bäumen eine besonders stimmungsvolle Stätte bot, zu errichten. Der Kirchenvorstand erließ ein Preisausschreiben, auf das etwa 30 Entwürfe eingingen. Den Preis erhielt ein Entwurf, der die Form eines in Klinkern zu errichtenden niedersächsischen Hausgiebels mit eingelassenem Kreuz zeigte, an dessen Fuß schräge Platten aus Oberkirchener Sandstein die Namen der Gefallenen nach Ortschaften geordnet in Reliefschrift zeigten. Am Nachmittag des Pfingstsonntages 1921 fand die feierliche Einweihung statt. Nach gemeinsamem Gesang gab ich zunächst einen Baubericht. Die eigentliche Weiherede hielt Kobus, worauf ich mit Gebet und Segen schloss.

Um diese Zeit wurde auch eine Erweiterung des Kirchhofs erforderlich. Das im Norden an demselben angrenzende Grundstück war längst von der Kirchengemeinde für diesen Zweck erworben worden, war aber bis zur Inanspruchnahme verpachtet. Vorläufig bedurften wir auch nur die östliche, nicht an der Straße gelegene Hälfte. Gartenarchitekt Roselius aus Bremen machte uns einen Plan, der einmal dem sozialen Empfinden dadurch gerecht werden sollte, dass er die Reihengräber nicht an einen von den Erbbegräbnissen abgesonderten Platz verwies, sondern zwischen denselben anlegte, um dem ganzen mehr den Charakter eines Parks zu geben. Wir nahmen diesen Plan an. Die Praxis schien mir ihn aber nicht zu bewähren, da der Zugang zu den einzelnen Gräbern dadurch erschwert und infolgedessen bei Beerdigungen die Anlage vor Beschädigungen nicht geschützt wurde.

Schön und würdig dagegen war der um die alte Kirche gelegene längst geschlossene Kirchhof bereits einige Jahre vorher hergerichtet worden. Das war allerdings dringend notwendig. Wegen der nach Süden zu abschüssigen Lage machte dieser Teil des Kirchhofs einen wüsten Eindruck. Der Sand war durch Wind und Regengüsse zum Teil fortgeweht oder geschwemmt auf die anliegenden Grundstücke und einzelne Gräber bloßgelegt. Tischler Fennekohl erzählte, dass ihm gelegentlich Totengebeine auf den Tisch gerollt wären. Wir verhehlten nicht, das in unserem Bericht an die Behörde, in dem wir um Bewilligung der Kosten zur Herrichtung nachsuchten, zu erwähnen. Nun wurde eine Anlage geschaffen, die den Kirchhof in einen Park verwandelte und doch den Charakter des Kirchhofs wahrte, indem die wertvollen der Landschaft angepassten Grabsteine erhalten blieben. An verschiedenen Stellen, besonders [an denen, die] die Aussicht nach Bremen und dem davor gelagerten Gebiet gewährten, wurden Bänke aufgestellt, die von verschiedenen Familien der Gemeinde gestiftet waren.

Die Trennung von Kirche und Staat, die im Verfolg der Revolution eingetreten war, machte die Aufstellung einer neuen Kirchenverfassung erforderlich. Der von der Kirchenregierung ausgearbeitete Entwurf wurde in einer außerordentlichen Versammlung der Bezirkssynode besprochen, in der ich das einleitende, die allgemeinen Fragen behandelnde Referat übernahm, während ich die Spezialgebiete drei Amtsbrüdern übertragen hatte. Als Kandidaten für die verfassungsgebende Kirchenversammlung hatten wir von der rechten Seite Sibberns aus Basbeck, uns aus seiner Hauslehrerzeit im Sinstorfer Pfarrhause noch gut bekannt, aufgestellt, der auch auf unsere Einladung zu einer Wahlversammlung nach Lesum kam, wo er durch sein schlichtes, gerades Wesen guten Eindruck machte. Von liberaler Seite kandidierte Kobus, der in einer von ihm berufenen Wahlversammlung sich ziemlich ablehnend zu dem Entwurf der Kirchenregierung stellte und ein eigenes Programm aufstellte, das sich in der Theorie ganz gut anhörte, aber in der Praxis schwer durchzuführen gewesen wäre. Ich trat ihm natürlich entgegen und schloss meinen Appell mit den Worten: Lass dich den guten Engel warnen und nicht vom linken dich umgarnen. Er ließ sich aber nicht warnen. Bei der Wahl, die mich mit meinen Beisitzern einen ganzen Sonntagnachmittag bis zum Abend in der Kirche festhielt und bei der wir uns nur gelegentlich durch einige saftige Birnenabschnitte, die uns Elisabeth in einer Schale geschickt hatte, - wir hatten in dem Sommer einen besonders reichen Obstsegen - erquicken konnten, erhielt Kobus hier wie an einigen anderen Industrie-Orten eine ziemliche Majorität, während er im übrigen Wahlkreise stark in der Minorität blieb, was ihn sehr kränkte und zu einem nicht eben klugen Erguss in der Zeitung verleitete.

Wenig erquickliche Auseinandersetzungen hatten wir mit der Lehrerschaft, die sich durch die neue Reichsverfassung nicht wenig gehoben fühlte und das gegen die Vertreter der Kirche in nicht immer angenehmer Weise zum Ausdruck brachte. Der völlig im sozialdemokratischen Fahrwasser segelnde Lehrer von Ihlpol, der auch in seinem Privatleben keineswegs einwandfrei war, - ich hatte mich einmal veranlasst gesehen, ihm wegen seines Ärgernis erregenden Trinkens ernsthafte Vorhaltungen zu machen - forderte mich auf, den Vorsitz im Schulvorstand niederzulegen. Ich erklärte ihm, ich würde ihn behalten, bis er mir von der zuständigen Stelle abgenommen würde. Als aber der auch von der neuen Strömung mit fortgerissene Landrat von Osterholz mich zur Beseitigung der Hoheitszeichen, das heißt der Kaiserbilder, in den Schulen aufforderte, legte ich den Vorsitz nieder. Der neue Landrat von Blumenthal übrigens stellte, obwohl er eingeschriebenes Mitglied der sozialdemokratischen Partei war, ein solches Ansinnen an mich nicht.

Dann kam es zu Auseinandersetzungen mit der Lehrerschaft wegen des Konfirmandenunterrichts, der ja in die Eckstunden verwiesen werden sollte. Mit den Schulen zu Lesum und Burgdamm gab es keine Schwierigkeiten, da ja die Kinder aus diesen Schulen von jeher wegen des Konfirmandenunterrichts nur die letzten Schulstunden hatten versäumen müssen. Dagegen traten die Lehrer der auswärtigen Schulen mit dem Verlangen an mich heran, den Konfirmandenunterricht in einer auswärtigen Schule zu erteilen, um den Kindern die weiten Wege zu ersparen, und zu demselben an Nachmittagen herauszukommen. Schwerdtmann, der zu einer Auseinandersetzung in dieser Sache eigens herkam, sagte mir: Ich kann dir es nicht verdenken, dass du dich gegen dies Ansinnen sträubst. Es könnte dich veranlassen, vorzeitig deine Versetzung in den Ruhestand nachzusuchen, während du dich sonst noch kräftig genug fühltest zur Ausrichtung deines Amtes. Schließlich einigten wir uns dahin, dass mir die Lehrer die Kinder zu einer Vormittagsstunde überließen und sie dazu in die Schule zu Stendorf schickten. Dahin ging ich in der Folge zu den Konfirmandenstunden, die mir bei der Lenksamkeit und Aufmerksamkeit der noch unverdorbenen Landkinder eine Freude war, während mir der Unterricht der Lesumer und Burgdammer Kinder, den ich nach wie vor in der Pfarre gab, je länger je mehr zum Kreuz wurde und schließlich meine Versetzung in den Ruhestand veranlasste.


[65] Unter dem Motto Gold gab ich für Eisen erfolgte im Ersten Weltkrieg die patriotisch begründete Sammlung von Edelmetallen auf freiwilliger Basis. Ab 1916 wurde die Bevölkerung zur Herausgabe von Hausgerätschaften aus Kupfer, Messing, Bronze und Zinn genötigt. Später wurden dann die Glocken konfisziert.