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Lesum, 1906-1923 — Die übrigen Geistlichen der Inspektion

Teil 12 - Lesum, 1906-1923
Kapitel 17
Die übrigen Geistlichen der Inspektion

Von den übrigen Geistlichen der Inspektion, die ich bei meinem Antritt vorfand, kann ich nur sagen, dass sie mir mit Vertrauen entgegenkamen und dass dies Vertrauen auch vorgehalten hat, solange das dienstliche Verhältnis bestand. Besonders nahe traten uns wie bereits erwähnt die beiden Pfarrhäuser von Aumund und Grohn. Grohn war erst zu Anfang des Jahres 1906, also während der Vakanz, aus dem Parochialverbande Lesum gelöst und zur selbstständigen Kirchengemeinde erhoben und Pastor Fehly, bisher ständiger Kollaborator bei der Pfarre Lesum, zum Pfarrer von Grohn ernannt worden. Die Grundsteinlegung der Grohner Kirche am 30. September 1906 war eine meiner ersten ephoralen Handlungen. Meine erste Visitation dort hielt ich im Herbst 1907 noch in dem von Rakenius begründeten Johannesstift, dessen Saal zu den Gottesdiensten benutzt wurde. Die Einweihung der neuen Kirche fand, nachdem acht Tage zuvor eine Abschiedsfeier im Johannesstift stattgefunden hatte, bei dem nach Ansprachen von Schwerdtmann, damals noch in Henriettenstift, Ubbelohde-Herdegsen, einem der früheren Sekundarii von Lesum, und Freyer ich ein Schlusswort gesprochen hatte, am 2. Februar 1908 in Gegenwart von Abt Hartwig und Regierungspräsident von Riesewitz und Kadezin durch den Generalsuperintendenten Remmers statt. Bei dem darauf folgenden Festmahl fiel mir der Trinkspruch auf den Baumeister zu.

Neben Grohn hatten Aumund und Blumenthal am meisten den Charakter von Industriegemeinden und die schnellste Zunahme. Blumenthal, das auch erst kurz vor meinem Antritt eine eigene Kirche erhalten hatte, die sich neben den beiden stattlichen Gotteshäusern der reformierten und der katholischen Gemeinde sehen lassen konnte, wuchs während meiner Zeit von 4000 auf über 7000 Seelen. Aumund erreichte zu gleicher Zeit 5000 oder mehr. Da die Versorgung der beiden zudem wie verständlich besondere Schwierigkeiten bietenden Gemeinden die Kraft von zwei Männern überstieg, wurde zunächst für die beiden Gemeinden eine ständige Kollaboratur mit dem Sitz in dem in der Mitte zwischen den beiden Kirchen gelegenen Orte Fähr gegründet. Als erster Kollaborator wurde 1907 Kather angestellt. Ihm folgte seit dem Frühjahr 1909 [Ernst] Crusius und dann, als derselbe nach Neuenkirchen gekommen war, in schneller Folge noch eine ganze Reihe anderer Kollaboratoren. Besonders schwierig lagen die Verhältnisse in der Gemeinde Blumenthal, die sich, abgesehen von der hier sich besonders feindlich stellenden Sozialdemokratie, gegen die reformierte und katholische Gemeinde und gegen verschiedene zum Teil sehr propagandistisch auftretende Sekten zu behaupten hatte und in der auch die GemeinschaftsbewegungDie Gemeinschaftsbewegung ist eine pietistische Aufbruchsbewegung, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Reihe evangelischer Landeskirchen in Deutschland und in der Schweiz erfasste.Klick hier für Wikipedia [52] sich ziemlich feindlich zur Kirche stellte. Deshalb war es von besonderem Wert, dass Pastor Hops mit großem Eifer wirkte. Es fehlte ihm aber auch nicht an einem Stamm Erweckter, die sich zu einem Jugendbund für entschiedenes ChristentumIn Deutschland wurde 1894 der erste deutsche Jugendbund für entschiedenes Christentum gegründet. 1903 schlossen sich die inzwischen entstandenen dem Pietismus nahestehenden Landesverbände zu einem nationalen Verband zusammen.Klick hier für Wikipedia [53] zusammenschlossen. Auch ein Kirchenvorsteher, der Arbeiter Nordenholz, gehörte demselben als eifriges Mitglied an. Die lutherische Gemeinde war ja seinerzeit im Gegensatz zu der alteingesessenen reformierten Gemeinde und nicht ohne Widerstand derselben ins Leben gerufen, und da sie ungleich stärkere kirchliche Lasten zu tragen hatte als diese, lag immer die Gefahr nahe, dass Glieder der lutherischen Gemeinde, bloß um pekuniär erleichtert zu sein, zur reformierten übertraten. Deshalb war es dann dankenswert, dass unter dem Einfluss des trefflichen reformierten Superintendenten Ditzen, der sich überhaupt durchaus loyal stellte, kein Übertritt von der lutherischen Gemeinde zur reformierten angenommen wurde, wo die Kirchensteuerfrage bewegende Ursache war. Eine Schwierigkeit ergab sich ja für die lutherische Gemeinde daraus, dass die Schule reformiert war. Pastor Hops wollte sich deshalb, als ich Kirchenvisitation hielt, aus Furcht vor Reibung mit der reformierten Gemeinde nicht dazu verstehen, dass ich den Religionsunterricht visitierte. Ich setzte es aber unter Einverständnis des Generalsuperintendenten Remmers durch. Zufällig traf es sich, dass an demselben Tage Visitation der reformierten Gemeinde durch den Generalsuperintendenten Müller stattfand. Wir besuchten daher gemeinsam die Schulen, und ich überließ dabei Generalsuperintendenten Müller als dem älteren und im Range höheren die Leitung. Wegen der abweichenden Zählung der Gebote nannte Müller beim Abfragen eines Gebotes nie die betreffende Zahl, sondern gab den Inhalt derselben in seiner Frage an.

Von den übrigen Gemeinden war am stärksten mit Industriebevölkerung durchsetzt die von der Ritterhude. Während aber in Grohn, Aumund und Blumenthal trotz aller Gegensätze in gewisser Weise Leben herrschte, lag auf Ritterhude bleierner Tod. Ich habe mich immer über meinen Vorgänger gewundert, dass er Degener zu seinem Vertreter bestellte und über das Kirchenregiment, dass es ihm während der Vakanz die Ephoralgeschäfte übertrug. Denn wenn einem die Eignung zum Ephoralamt abging, so war er es. Er war gewiss ein herzensguter Mann, mit dem ich ernste Zerwürfnisse nie gehabt. Er wollte auch durchaus auf dem Bekenntnis stehen. Aber seinem Amt gegenüber war er, um mich keines stärkeren Ausdrucks zu bedienen, von einem naiven Optimismus, der dem ehrwürdigen Pfarrer von Grünauder ehrwürdige Pfarrer von Grünau ist eine Figur aus dem Gedicht Luise. Ein ländliches Gedicht in drei Idyllen von Johann Heinrich Voß. [54] Ehre gemacht hätte. Als ich einst eine Umfrage wegen kirchlicher Jugendarbeit zu halten hatte, klang, während zum Beispiel Freyers Bericht von dem erfüllt war, was er alles tun wolle, der seine aus dem Ton: Hier wird nichts gemacht, ist auch nicht nötig. Die Kirche von Ritterhude war neben der in Schwanewede die einzige in der Inspektion, die noch keine Kirchenheizung hatte. Beide Pfarren waren Patronatspfarren, und während das Schwaneweder Patronat in den Händen eines Mannes von bäuerlichem Gesichtskreis lag, teilte es sich in Ritterhude unter verschiedene Familien, von denen keine kirchliches Interesse hatte. Als einmal der Winter nahte, gab Degener einen Bericht an das Konsistorium ein, dass sein Kirchenvorstand sich weigere, im kommenden Winter die Kirche zu besuchen, wenn nicht Kirchenheizung eingerichtet würde. Er wollte damit einen Druck auf die Behörde ausüben, um eine Beihilfe zu erhalten, und sah nicht ein, dass er seinen Kirchenvorstand damit bloßstellte. Als ich einst zur Visitation kam, empfing er mich mit der Mitteilung, dass zwei der Kirchenvorsteher nicht kommen würden, weil sie - Heu einfahren müssten, und zeigte wenig Verständnis dafür, wie ungehörig und unzulässig solch ein Verhalten wäre.

In der Gemeinde Osterholz gab, ähnlich wie in Diepholz, die Beamtenhierarchie den Ton an. Doch war hier auch Sitz einer Gemeinschaft, die sich freundlicher zur Kirche stellte als die Blumenthaler. Pastor Kromschröder stellte sich, ebenso wie seine Frau, eine frische, temperamentvolle Thüringerin, ziemlich ablehnend zu ihr. Besser verstanden sich beide Eheleute offenbar mit den Osterholzer Honoratioren, da es ihnen an gesellschaftlicher Gewandtheit nicht fehlte. Zu der mit Osterholz eng verbundenen Parochie Scharmbeck gehörte eine ausgedehnte und verhältnismäßig kirchliche Landgemeinde. Der erste Geistliche, Walther, war mir von der Universität bekannt. Damals hatte er eine Sturm- und Drangperiode. Mit meinem Schwager Rudolf [Borchers], mit dem er auch von der Universität her bekannt geworden war, hatte er, als derselbe in Osterholz war, manche Reibungen gehabt. Ich brachte ihm deshalb nicht das beste Vorurteil entgegen. Er hat sich aber stets freundlich zu mir gestellt und warm zu mir gehalten. In ihm lebte wohl am meisten die Überlieferung des alten, guten hannoverschen Pfarrhauses. Allerdings war er stark von Stimmungen beherrscht, und das Verhältnis zu dem zweiten Geistlichen, Fiedler, nicht das beste. Einmal musste ich hinüber, um zwischen beiden Frieden zu stiften. Fiedler, ziemlich unglücklich verheiratet, war jedenfalls zum Teil durch Schuld seiner Frau in Vermögensschwierigkeiten geraten. Bei meinen Bemühungen, ihm zur Ordnung seiner Verhältnisse behilflich zu sein, stellten sich auch Fälle von Trunkfälligkeit heraus. Er wurde deshalb im Interesse des Dienstes in den Süden Hannovers versetzt.

Die kirchlich normalsten Verhältnisse walteten in den Gemeinden Hambergen, Schwanewede und Meyenburg. In Hambergen war Pastor Krönke, etwas fahriger Natur, aber ein aufrichtiger Mensch und eifriger Pastor, hauptsächlich wohl durch seine Frau, der Gemeinschaftsbewegung zugeneigt. In Schwanewede fand ich Pastor Lauterbach vor, trotz vorgerückter Jahre damals noch unverheiratet. Er war ein vielseitig unterrichteter Mann, den meine Frau wegen seiner Unterhaltungsgabe bei Konferenzen am liebsten zum Tischnachbar hatte, dabei fest im Bekenntnis stehend, aber ein wunderlicher, um seine Gesundheit ängstlich besorgter Junggeselle, der nie zur Konferenz kam, ohne ein Kissen mitzubringen, auf dem er sitzen, und eine Fußtasche, mit der sich wärmen wollte. Mit Cuntz, dem er ursprünglich, weil beide aus Bremen stammten und von einem Alter waren, besonders nahe stand, hatte er sich verfeindet, weil derselbe in bester Absicht ihm in dienstlicher Angelegenheit einen Rat gegeben hatte, durch den er sich verletzt fühlte. Versuche der Aussöhnung, die ich anstellte, scheiterten an seinem Eigensinn. Da griff der liebe Gott ein. Unmittelbar vor Weihnachten erkrankte Lauterbach und wandte sich an mich wegen Vertretung. Da in denselben Tagen Freyer Lesum verließ und auch die Pfarre Meyenburg zur Erledigung kam, schrieb ich an Cuntz: Wollen Sie feurige Kohlen sammeln? Cuntz erklärte sich bereit zur Vertretung, und als derselbe an Lauterbachs Krankenbett trat, streckte ihm dieser die Hand entgegen, als wäre nichts geschehen, und die Freundschaft war wiederhergestellt. Übrigens hatte sich Lauterbach in späteren Jahren noch verheiratet mit einer feinen und sympathischen Frau. Aber unsere Hoffnung, dass er dadurch von seinen junggesellenhaften Eigenheiten kuriert werden würde, erwies sich als eitel. Statt dass seine Frau ihn zum Mann erzogen hätte, gewannen wir den Eindruck, dass er seine Frau zur alten Jungfer machte. Wie viel altjüngferliches sie vor der Verheiratung schon hatte, wussten wir freilich nicht, über die erste Jugendblüte war sie allerdings hinaus.

In Meyenburg war damals schon der rührige Pastor Heldt. Ich war entsetzt, jetzt nach 20 Jahren noch das alte, damals schon der Erneuerung dringend bedürftige Pfarrhaus vorzufinden. Zufällig hatte ich hier meine erste Visitation, schon im Herbst 1906, zu halten. Ich benutzte die Gelegenheit, mir von Pastor Heldt alle Schäden des alten Kastens zeigen zu lassen und verschwieg sie in meinem Bericht nicht. Resultat: Untersuchung durch einen Bauverständigen aus Geestemünde, der einen noch eine Note schärferen Bericht verfasste, der, allerdings etwas übertreibend, darin gipfelte, dass das Haus keinen Winter länger stehen könnte. Der Patron, Ritterschaftspräsident von Wersebe in Stade, der hier allerdings in seinem langen Leben schon Kirche und Schule gebaut und nicht noch einen Pfarrhausbau leisten wollte, remonstrierte eifrig gegen jenes Gutachten und nannte das Pfarrhaus zwar etwas altmodisch, aber doch geräumig und gesund. Landrat Berthold, der es mit dem Patron nicht verderben wollte, fasste einen Bericht ans Konsistorium ab, der sich in ungefähr gleichem Sinne aussprach, aber ich weigerte mich, ihn so an das Konsistorium weiter zu geben, und so kam die Sache nicht mehr zur Ruhe. Verzögert wurde der neue Bau allerdings dadurch, dass, als Pastor Heldt im Frühjahr 1907 auf die Pfarre Uetze versetzt wurde, sich ein Nachfolger, Pastor Brinkmann, meldete, und dann kurz darauf der alte Herr von Wersebe ohne Hinterlassung eines Sohnes starb, so dass Gut Meyenburg und Patronat auf eine Nebenlinie überging, die den Besitz aber erst nach zwei Jahren antreten konnte, da zwei unverheiratete Töchter des Patronats so lange Gnadenzeit hatten. Dann aber wurde die Forderung des Neubaus wiederholt und erhielt dadurch Verstärkung, dass Pastor Brinkmann, da seine Frau in dem Hause sich eine schwere Erkältung zugezogen und der Arzt erklärt hatte, jede neue Erkältung könne ihr tödlich sein, sich weggemeldet hatte und schon vier Jahre nach seinem Antritt auf die Pfarre Schnega im Wendlande übersiedelte. Nun konnte der neue Patron, Kammerpräsident von Wersebe aus Bückeburg, sich der neu erhobenen Forderung nicht mehr entziehen, und als ich Brinkmanns Nachfolger, Pastor Ohnesorg, einführte, war das Pfarrhaus dem Erdboden gleich gemacht, und als ich im Herbst 1912 wieder in Meyenburg visitierte, wurde damit die Einweihung des neuen Hauses verbunden. Der neue Patron erwies sich übrigens als ein Mann von warmem kirchlichem Interesse. Er war Präsident des letzten Landeskirchentages.


[52] Die Gemeinschaftsbewegung ist eine pietistische Aufbruchsbewegung, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Reihe evangelischer Landeskirchen in Deutschland und in der Schweiz erfasste.
[53] In Deutschland wurde 1894 der erste deutsche Jugendbund für entschiedenes Christentum gegründet. 1903 schlossen sich die inzwischen entstandenen dem Pietismus nahestehenden Landesverbände zu einem nationalen Verband zusammen.
[54] der ehrwürdige Pfarrer von Grünau ist eine Figur aus dem Gedicht Luise. Ein ländliches Gedicht in drei Idyllen von Johann Heinrich Voß.