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Lesum, 1906-1923 — Martins Tod

Teil 12 - Lesum, 1906-1923
Kapitel 21
Martins Tod

Doch bis dahin hatte der Krieg auch von uns das schwerste Opfer gefordert. Unser Martin hätte in der ersten Kriegsbegeisterung im August 1914 am liebsten sich gleich als Kriegsfreiwilliger gemeldet. Ich hielt ihn zurück, da ihm bei seinen 18 Jahren meiner Überzeugung nach der innere Beruf hierzu noch nicht gegeben war. Natürlich verfolgte er die Kriegsereignisse mit lebhaftester Teilnahme, schloss sich darin mit seinem Freunde Arnold Maaß immer inniger zusammen. Auch ein junger Hilfslehrer, der als Kriegsvertreter in die Schule eingetreten war, schloss mit beiden förmliche Freundschaft, kam aus Anlass derselben auch einmal in unser Haus. Als Martin aber Ostern 1915 nach Oberprima versetzt war, ließ er sich nicht mehr halten, sondern meldete sich mit seinem Freunde freiwillig. Von dem Bremer Regiment 75 angenommen wurde er, nachdem er das Notexamen bestanden, eingezogen und präsentierte sich uns als schmucker Soldat. Die Uniform stand ihm wirklich gut zu Gesicht. Freilich gab es uns gleich einen Stoß ins Herz, dass er zu Gerhards Hochzeit, die am 7. Juli [1915] stattfand und der man damals den Kriegsdruck noch nicht anmerkte, keinen Urlaub erhielt.

Martin Dittrich (1896-1916) und sein Freund Arnold Maas
Martin Dittrich (1896-1916) und sein Freund Arnold Maas

Am 25. August sollte der Abmarsch stattfinden. Wir fuhren hinüber nach Bremen, wo an diesem Tage aus Anlass der großen Siege in Russland von den Türmen und öffentlichen Gebäuden die Flaggen wehten. Es war doch ein bewegter Abschied, obgleich man ja damals immer noch auf einen baldigen Frieden und demnächstige Rückkehr unserer Jungen hoffen konnte. Er kam zunächst in die Champagne und lag dort zehn Monate im Schützengraben. Von daher erhielten wir nun regelmäßige Nachrichten von ihm. Hierbei empfing ich einen lebendigen Anschauungsunterricht von dem gewaltigen Unterschied der Kriegführung in der Gegenwart und der von 1870/71. Was für lebensvolle Berichte enthielten damals die Feldpostbriefe meines Bruders Alexander. Wie einsilbig klangen demgegenüber Martins Briefe. Und das lag nicht nur daran, dass der Stellungskrieg von 1915 nicht so viel erleben ließ als die unaufhörlichen Bewegungen des siebziger Krieges, sondern auch daran, dass infolge des viel ausgebildeteren und raffinierteren Spionagedienstes unseren Leuten viel strengeres Schweigen auferlegt war als damals. Eine Freude war es für Martin, als er eines Tages Besuch erhielt von unserem Nachbar Schneider Brünjes, der in Lothringen lag. Endlich im Juni 1916 folgte die Verlegung seines Heeresabteils an die Somme. Ich weiß nicht mehr, ob er kurz vorher zum Unteroffizier befördert wurde oder kurz darauf es wurde. Erinnerlich ist mir nur, als welche Wohltat er es empfand, dass er in Bereitstellung versetzt wieder einmal in einem ordentlichen Bette schlafen konnte. Auch von den Unterredungen mit Eingeborenen berichtete er um jene Zeit, aus denen er den Eindruck hatte, dass von einem Volkshass der Franzosen gegen uns nicht die Rede war. Ähnliche Eindrücke berichtete uns um diese Zeit auch unser Hausarzt Dr. Stoeß, der aus dem Felde mit Urlaub nach Hause kam. Die Intellektuellen, besonders die Priester und Advokaten, seien es, die den Hass schürten.

Martin Dittrich (1896-1916)
Martin Dittrich (1896-1916)

Übrigens waren um jene Zeit unsere Gedanken sehr geteilt zwischen dem Felde und Neuenkirchen, wo das erste Kind erwartet wurde. Die angehenden Eltern hatten sich wohl in dem zu erwartenden Termin geirrt. Denn wochenlang hofften wir Tag für Tag auf fröhliche Nachricht von daher. Endlich, am Abend des 31. Juli, kam ein Telegramm unseres Schwiegersohnes, das die glückliche Geburt eines Töchterleins [namens Barbara] meldete. Ich weiß noch, wie wir spornstreichs nach Burgdamm eilten, um der Großmama die Nachricht von der erlangten Urgroßmutterwürde zu bringen. Zur Taufe, die auf Sonntag den 13. August festgesetzt war, fuhr ich in Vertretung meiner Frau, die zur Gevatterin gebeten war, aber sich selbst die Reise nicht zutraute, nach Neuenkirchen. Der Aufenthalt dort musste von mir noch abgebrochen werden, weil unmittelbar vor meiner Abreise die Nachricht vom Tode unseres Vetters Müller in Olslebshausen eingelaufen war, zu dessen Beerdigung ich dann Montag den 14. August zurückeilte. Er war uns stets ein teilnahmsvoller Nachbar gewesen.

Die Freude, Onkel geworden zu sein, hatte Martin noch erlebt und uns gegenüber auch noch geäußert. Am 22. August [1916] erhielt ich, gerade mit der Vorbereitung auf die Bezirkssynode beschäftigt, die am folgenden Tage sein sollte, eine Karte von ihm, vom 20. August datiert, auf der er, im Begriff aus der Bereitstellung in die Front zurückzukehren, uns einen herzlichen Gruß sandte. Ich weiß nicht, wie es kam, dass ich einen Stich dabei empfand. Die nächsten Tage war alles in und um Bremen in Begeisterung wegen der Rückkehr des Handels-Unterseebootes Deutschland von seiner geglückten Fahrt nach Amerika. Montag darauf fuhr ich nach Stade zu Missionsfest und Pastoral-Konferenz, die ich dieses Mal leiten sollte. Als ich am Tage des Missionsfestes mit Base Hedwig Albertz [geb. Rogge] aus der Kirche kam, war ein Telegramm da: Martin vermisst. Natürlich konnte ich zur Konferenz nicht bleiben, sondern reiste denselben Tag nach Hause. Ich dachte an Gefangenschaft. Elisabeth aber sprach mir, als sie mich von der Bahn abholte, gleich die Überzeugung aus, dass Martin tot sei. Das Telegramm war aufgrund einer Karte von [Martins Freund Arnold] Maaß an mich gerichtet, auf der derselbe mitteilte: Gefangen ist er nicht. Das war wohl nur eine schonende Form, unter der er uns auf den Tod vorbereiten wollte. Ich hatte immer noch die Hoffnung, dass Martin, da zugleich eine leichte Verwundung an der Hand gemeldet war, vielleicht auf einen anderen Verbandsplatz geraten sei, als an dem man ihn gesucht. Aber als Tag um Tag verging, ohne dass wir weitere Nachricht erhielten, mussten wir uns an den Gedanken allmählich gewöhnen, dass wir ihn nicht mehr unter den Lebenden zu suchen hätten. Auf eine an den Divisionspfarrer gerichtete Anfrage erhielt ich auch keinen tröstlichen Bescheid. So verlor sich der Weg unseres Jungen für uns im Dunkel. Erst sehr viel später hörte ich, dass ein Regimentskamerad Martins, als er auf Urlaub gekommen, erzählt habe, Martin hätte einen Volltreffer erhalten. Die Mutter des betreffenden, die ich daraufhin fragte, konnte mir auch keinen bestimmten Bescheid geben, da ihr Sohn inzwischen auch gefallen war. Wahrscheinlich war uns diese Nachricht, weil man eben keine Spur von Martin gefunden hatte, am Ende auch am tröstlichsten, weil er in diesem Falle den Tod gar nicht gemerkt hätte.