© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2019
https://ewnor.de / http://www.erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit dem schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Lesum, 1906-1923 — Das Jahr 1913 - politisch und privat

Teil 12 - Lesum, 1906-1923
Kapitel 9
Das Jahr 1913 - politisch und privat

Das Jahr 1913 war ein besonderes ereignisreiches für Deutschland überhaupt, so auch für unser Haus. In den Sommer des Jahres fiel das 25-jährige Jubiläum des Kaisers und in dieselbe Woche das 750-jährige des Klosters Loccum, zu dem der Kaiser seinen Besuch zugesagt hatte. Alle ehemaligen Klosterangehörigen waren zu diesem Fest eingeladen. Ich hatte mich auch angemeldet. An dem Jubiläumstage des Kaisers, Sonntag den 15. Juni - wir hatten einen der Wahlprediger für die damals erledigte Pfarre Grohn, Pastor Möller, zu Tisch - wurde beim Mittagessen von dem bevorstehenden Loccumer Jubiläum und dem erwarteten Kaiserbesuch gesprochen. Ich ließ die Bemerkung fallen: Da wird wohl auch ein großer Ordensregen niedergehen. Eins der Kinder meinte: Vater, da fällt vielleicht auch für dich einer ab. Wir scherzten darüber, und am Abend, als wir Besuch hatten von einem Sohn des Pastors Wagner in Straßburg, Neffen des damaligen theologischen Lehrers an der Hermannsburger Missionsanstalt, der seit einiger Zeit im Vietorschen Geschäft in Bremen eine Anstellung gefunden hatte und auf Empfehlung von Haccius öfter zu uns kam und wir mit demselben Ratespiele spielten, musste ich den Orden raten, den ich möglicherweise bekommen würde. Der junge Wagner sagte beim Weggehen zu mir: Nun, wenn Sie ihn auch nicht bekommen, schadet es nichts, die Verdiensteten pflegen ihn ja doch nicht zu bekommen.

Am folgenden Morgen erhalte ich einen dicken Brief vom Konsistorium. Beim Öffnen finde ich ein Etui darin mit dem roten Adlerorden vierter Klasse. Mir kam der Gedanke gar nicht, dass er mir gelte, ich dachte nur: Wem soll ich den wohl geben?, bis ich aus dem Begleitschreiben des Konsistoriums sah, dass ich ihn in der Tat haben sollte. Darob natürlich große Heiterkeit. Allzu geehrt fühlte ich mich dadurch nicht, und einige ironisch gefärbte Zuschriften meines Schwagers Albert [Borchers] und meines Bruders Georg, der denselben Orden schon lange zuvor erhalten hatte, bewiesen mir's, dass andere ebenso dachten. Immerhin sollte es wohl ein Pflaster für mich sein, da ich einige Jahre vorher, als mir die Kreis-Schulaufsicht genommen worden war, denselben von der Regierung nicht erhalten hatte wie aus gleichem Anlass einer der mir unterstellten Geistlichen.

Freitag darauf war also das Loccumer Jubiläum. Frühmorgens brach ich auf und traf schon bis Wunstorf mit verschiedenen alten Luccensern zusammen. In der Steinhuder Meerbahn, die wir dort bestiegen, wimmelte es von ihnen. Wir konnten von der Bahn aus die Chaussee überblicken, die der Kaiser mit dem Auto kommen musste, und die mit Flaggen in den Reichs- und Hannoverschen Provinzialfarben belegt war. Einer der Mitreisenden las bereits einen von ihm für irgendeine Zeitung verfassten Bericht vor. In Loccum gab's dann ein Begrüßen und Händeschütteln. Ehrenfeuchter war stolz mit zwei Söhnen da. Friedrich empfing mich an der Bahn und trug mir meinen Koffer. Zur festgesetzten Zeit zogen wir unsern Ornat an und gingen in die Kirche. Jedem von uns war sein Platz schon auf einem uns zugesandten Plan angewiesen. Beim Eintritt des Kaisers in die Kirche erhoben wir uns alle. Der Abt, die Mitra auf dem Kopf, den silbernen Krummstab in der Hand, eröffnete den Zug, hinter ihm der Kurator Hermann Steinmetz und der Konvent. Dann der Kaiser in Ulanenuniform und sein Gefolge. Für den Kaiser war auf dem Chor ein Sessel hingestellt. Da er auf der Südseite, der Kanzel zugewandt, saß, wo auch ich unmittelbar vor der Bank des Hospizes meinen Sitz hatte (die Hospites nahmen im Ornat die Chorstühle ein), konnte ich ihn nicht so gut beobachten wie die, welche mir gegenübersaßen, denen es nicht wenig imponierte, dass der Kaiser die Lieder auswendig sang. Die Liturgie hielt Studiendirektor Tilemann, die Predigt der Abt, Lukas 19,40Er erwiderte: Ich sage euch: Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien. [35]. Nach dem Gottesdienst führte der Abt den Kaiser im Kloster herum, während wir im Klosterhof uns aufstellten, der Abfahrt des kaiserlichen Autos gewärtig. Nach des Kaisers Abfahrt nach Hannover, wo er der Einweihung des neuen Rathauses beiwohnte, fand das Mittagessen der geladenen Gäste im Bibliotheksgarten statt. Auch hier war jedem sein Platz an den langen Tischen angewiesen. Es wurden natürlich verschiedene Tischreden gehalten. Als ältester der ehemaligen Stiftsprediger sprach Steinmetz, als ältester der ehemaligen anwesenden Studiendirektoren [Ludwig] Ihmels. Nach Tisch wurde der Kaffee unter den Eichen am Teiche eingenommen. Abends wurde noch ein Feuerwerk im Park abgebrannt. Nach einem Imbiss erfolgte die Abfahrt. Da wir in Wunstorf nicht mehr den Zug erreichten, der in Bremen Anschluss hatte, musste ich in Bremen einige Nachtstunden bleiben und wurde während des Reinemachens von einem Wartesaal in den anderen geschickt. Tovote-Geestemünde leistete mir Gesellschaft.

Außerdem fanden im genannten Jahre Gedächtnisfeiern zum Andenken an die Freiheitskriege statt. So gleich im Frühjahr eine Gedächtnispredigt am Hundertjahrtage der Erhebung Preußens, wobei ich die Predigt über Psalm 22, 5.6Dir haben unsere Väter vertraut, sie haben vertraut und du hast sie gerettet. Zu dir riefen sie und wurden befreit, dir vertrauten sie und wurden nicht zuschanden. [36] hielt, worüber mein Vater 50 Jahre zuvor auch gepredigt hatte. Im Herbst erzählte ich an einem Familienabend über meine Erinnerungen an die Halbhundertjahrfeier. Am Abend des 18. Oktober wurde im Anschluss an das Abbrennen eines Holzstoßes auf den Höhen am Moor im Norden des Dorfes ein Fackelzug veranstaltet. Vor dem Abbrennen des Holzstoßes hielt ich eine Ansprache, die ich mit einem Hoch auf das Deutsche Reich schloss. Unheimlich berührten mich einige spottende Stimmen, die ich im Augenblick, wo ich zu reden anfing, aus dem Hintergrund hörte: ein Wetterleuchten, welches das fünf Jahre später ausbrechende Gewitter ankündigte. In dem Festgottesdienst am folgenden Tage, der auf Sonntag fiel, predigte ich über die Errettung Jerusalems aus der Belagerung durch SanheribsSin-ahhe-eriba, hebr. Sanherib, (etwa 745-680 v. Chr.) war als Sohn Sargons II. von 705 bis 680 v. Chr. assyrischer König.Klick hier für Wikipedia [37] Heer.

Doch nun zu den persönlichen und häuslichen Erlebnissen des Jahres. Gerhards Zeit in Erichsburg war mit dem Sommer 1913 abgelaufen, und er machte am Schluss desselben sein zweites Examen. Auf der Stader Konferenz Ende August war [Johannes] Schwerdtmann als neu ernannter Generalsuperintendent der Stader Diözese. Seinen Vorgänger, den alten lieben [Johannes] Remmers, hatten wir im Frühjahr, als er in den Ruhestand trat, auf einer Konferenz in Stade, die von Hanffstengel-Bremervörde leitete, weggefeiert. Schwerdtmann erschien bei dem Mittagessen der Augustkonferenz mit einer Aktentasche, die die Examensarbeiten auch meines Sohnes barg. Ich fragte ihn über Tisch, wie die Arbeiten ausgefallen seien. Er antwortete mir: Das solltest du doch wissen, dass ich darüber nicht reden darf. Beim Gesegnetemahlzeitsagen flüsterte er mir jedoch zu, dass ich mir darüber keine Sorgen zu machen brauchte, worüber ich übrigens nach einem Einblick in Gerhards Konzept auch schon völlig beruhigt war. Am Sonntag, der die Woche des mündlichen Examens einleitete, musste ich den neuen Pastor von Grohn, Möller, einführen. Bei Tisch erzählte ich dem Landrat Bertold, was mir in der Woche bevorstünde, und erwähnte, dass mein Sohn von drei Duzfreunden von mir examinierte würde. Denn Vorsitzender der Kommission war Hoppe, und als dritter Examinator fungierte Jacobshagen. Der Landrat antwortete: Da werden sie ihn wohl nachbewährter deutscher Gründlichkeit ganz besonders kneifen. Den nächsten Sonntag kam Schwerdtmann zu mir zur Visitation. Als ich ihn am Sonnabend von der Bahn abholte, erzählte ich ihm, nachdem er mir zum glücklich bestandenen Examen gratuliert hatte, jenes Diktum des Landrates. Er sagte: So schlimm haben wir's nicht gemacht, aber geschenkt haben wir deinem Sohn nichts, und rühmte noch den guten Eindruck, den ihm und seinen Mitexaminatoren Gerhard gemacht hätte. Hoppe und Jacobshagen sprachen mir brieflich ähnliches aus. Jener Visitationstag steht mir deshalb in besonders festlicher Erinnerung.

Gerhard wurde zum Kooperator ernannt und zunächst mit der Unterstützung des alternden Pastors Tovote in Geestemünde beauftragt. Sonnabend den 25. Oktober [1913] wurde er ordiniert.

Am gleichen Tage erhielt ich noch einen zweiten geistlichen Sohn. Ich empfing an diesem Tage einen Brief von Pastor Crusius in Neuenkirchen bei Melleheute Ortsteil von Melle. An seine Großeltern in Neuenkirchen erinnert sich der Urenkel des Autors in der Geschichte Das Dorf meiner Großeltern [38], in dem er um Theklas Hand anhielt. Er war Kollaborator bei Cuntz in Aumund gewesen, hatte sich an denselben auch angeschlossen, ihn besonders bei dessen Bemühungen um die heranwachsende Jugend treu unterstützt und war mit dem Cuntzschen Ehepaar, aber auch ohne dasselbe oft bei uns gewesen, dabei besonders gern auch ernste und heitere Lieder auf seiner Laute uns vorsingend. Auch von Neuenkirchen aus, wohin er im Herbst 1912 gekommen war, hatte er uns ein Bild von sich mit der Laute in der Hand geschickt, außerdem unseren Martin, für den er stets viel Teilnahme gezeigt, verschiedentlich auf Karten gegrüßt. Thekla lag, als der Brief ankam, krank im Bett. Sie hatte von Ostern 1912 bis 1913 einen Johanniterkursus im Henriettenstift durchgemacht, der an ihre körperlichen Kräfte keine geringen Anforderungen gestellt hatte. Elisabeth zog deshalb, ehe wir Thekla den Antrag mitteilten, erst den Arzt ins Vertrauen und fragte ihn, ob ihr die Aufregung auch nicht schaden würde. Auf dessen beruhigenden Bescheid ging ich an ihr Bett und fragte sie, ob sie Crusius ihr Jawort geben könne. Das tat sie ohne Besinnung und ohne Aufregung zu zeigen. So konnte ich denn Crusius auffordern zu kommen und sich das Jawort zu holen. Am 28. Oktober [1913] kam er, und die Verlobung fand statt.

Der kommende Winter ging unter allerhand Vorbereitungen auf die Hochzeit hin. Elisabeth reiste selbst für einige Tage nach Neuenkirchen, um die Wohnung sich anzusehen und einen Plan für die Einrichtung derselben machen zu können. Erleichtert wurde ihr die Reise dadurch, dass etwas mehr als ein Jahr vorher ihr Bruder Friedrich aus England zurückgekehrt war und die erste Pfarre in Melle erhalten hatte. Auch ein zweites Geschwisterhaus hatte sich dort für sie aufgetan, da Schwager von Hanffstengel sich seiner geschwächten Gesundheit halber hatte in den Ruhestand versetzen lassen und ebenfalls nach in Melle gezogen war. Wesentliche Beihilfe zur Beschaffung der Aussteuer leisteten uns dankenswertester Weise Theklas Patentanten, besonders Tante Grete [Dittrich] in Dresden, die die gesamte Wäsche, und Tante Wilhelmine [Borchers], die das ganze Geschirr oder doch den größten Teil desselben schenkte. Da wir die Hochzeit im Hause und nicht etwa im Gasthaus halten wollten, kam uns auch der Kirchenvorstand für die Beschaffung eines angemessenen Raumes freundlich entgegen. Das große Gesellschaftszimmer in der Superintendentur war auf Veranlassung der Frau meines Vorgängers, da es schwer zu heizen war, durch Hereinrückung der alten Wand verkleinert worden. Hatte diese Veränderung schon den Übelstand zur Folge gehabt, dass dadurch ein zweckloser dunkler Winkel im Vorplatz geschaffen wurde, so zeigte sich bei der stetigen Vergrößerung der Inspektion bald, dass das Zimmer bei amtlichen Predigerkonferenzen und sonstigen Konferenzen der ganzen Inspektion zu klein war. Auf meinen Antrag wurde vom Kirchenvorstand das Zimmer in seiner vorigen Größe wieder hergestellt, so dass es für eine Tischgesellschaft von etwa 50 Personen reichte. Ein schöner Kachelofen, den einer der Kirchenvorsteher ausfindig gemacht, sorgte für genügende Erwärmung des vergrößerten Raumes.


[35] Er erwiderte: Ich sage euch: Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien.
[36] Dir haben unsere Väter vertraut, sie haben vertraut und du hast sie gerettet. Zu dir riefen sie und wurden befreit, dir vertrauten sie und wurden nicht zuschanden.
[37] Sin-ahhe-eriba, hebr. Sanherib, (etwa 745-680 v. Chr.) war als Sohn Sargons II. von 705 bis 680 v. Chr. assyrischer König. [38] heute Ortsteil von Melle. An seine Großeltern in Neuenkirchen erinnert sich der Urenkel des Autors in der Geschichte Das Dorf meiner Großeltern