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Lesum, 1906-1923 — Amtshandlungen und Missionsfeste

Teil 12 - Lesum, 1906-1923
Kapitel 13
Amtshandlungen und Missionsfeste

Dass der Kirchenbesuch in Lesum so wenig befriedigend war, habe ich immer - ich weiß allerdings nicht, ob mit Recht - damit in Zusammenhang gebracht, dass die Mehrzahl der Amtshandlungen nicht in der Kirche, sondern in den Häusern verrichtet wurden. Die Kirche stand mithin nicht so im Mittelpunkt des Volkslebens wie in anderen Landgemeinden. Übrigens fand ich doch, dass diese im Bremen-Verdenschen seit langem eingebürgerte Volkssitte auch ihre gute Seite hatte. Die Taufen in den Häusern, zu denen außer den Paten auch gewöhnliche Nachbarn und Freunde der betreffenden Familien sich einfanden, waren entschieden würdiger als in der Kirche, wo sie nicht vor versammelter Gemeinde, sondern nach dem Gottesdienst stattfanden. Und zu den Trauungen wie zu den häuslichen Feiern bei Beerdigungen war, wenigstens in den Außendörfern, wo sie auf der Diele verrichtet wurden, stets eine zahlreiche Gemeinde versammelt, zahlreicher oft als die Zuhörerschaft, die ich am Sonntag unter der Kanzel sah. Und das Verhalten der Versammelten war stets würdig. Wohl gackerte zuweilen ein Huhn oder brüllte eine Kuh dazwischen. Aber das störte die Andacht nicht. Und jedenfalls hatten die häuslichen Feiern den Vorteil, dass man in persönliche Berührung mit den Gemeindegliedern kam und mancher unter die Einwirkung des Wortes Gottes gebracht wurde, den man in der Kirche nicht sah. Freilich wurde viel Zeit beansprucht. Besonders galt das von den Beerdigungen. Amtsbrüder, die die Verhältnisse nicht kannten, beglückwünschten mich wohl dazu, dass ich keine Außenfriedhöfe hätte. Ich wünschte, ich hätte sie. Denn dadurch, dass die Leichen auch von den entferntesten Außenorten her - und gerade bei Leichen kam kaum ein Fall vor, wo nicht eine häusliche Feier erwünscht wurde - auf den Lesumer Friedhof gebracht werden mussten, ging eine unglaubliche Zeit verloren. Es kam wohl vor, dass, wenn eine Leiche aus einem Außenorte zu beerdigen war, in demselben Dorf eine Taufe oder Krankenkommunion gewünscht wurde. Ich machte dann den Vorschlag, diese zweite Amtshandlung vornehmen zu lassen, nachdem ich die Leichenfeier im Hause gehalten, damit währenddessen der Leichenzug sich in Bewegung setzen und ich nach Vollzug der anderen Feier rasch nachführe, ich hätte den Leichenzug noch rechtzeitig erreicht, um die Beerdigung auf dem Friedhof zu halten. Aber man ging nicht darauf ein, man legte Wert darauf, dass der Geistliche im Ornat hinter dem Sarge herführe. So musste ich den ganzen Weg von bisweilen anderthalb bis zwei Stunden im langsamen Tempo des Leichenwagens zurücklegen, es war zum Auswachsen.

Um denen, die den weiten Weg zur Kirche nicht zurücklegen konnten, Gelegenheit zu geben, dass auch sie Gottes Wort hörten, waren wöchentliche Bibelstunden, die in acht auswärtigen Schulen abwechselnd, und zwar im Sommer am Sonntag, im Winter am Mittwoch, gehalten wurden, schon vor meiner Zeit eingerichtet worden. Derjenige, der am Sonntagvormittag die Predigt nicht gehalten, ging also im Sommer nachmittags in die Schule, die an der Reihe war. Ob im Winter derjenige, der am vorangegangenen Sonntag gepredigt hatte oder am folgenden sie zu halten hatte, Bibelstunde an dem betreffenden Mittwoch hielt, weiß ich nicht mehr genau. Oft wurde auch diese Gelegenheit benutzt, den betreffenden Geistlichen um Vornahme einer Haustaufe zu bitten. Oder es wurde im Anschluss an die Bibelstunde eine Abendmahlsfeier für Alte und Schwache gehalten. Oft wurde ich von einem meiner Kinder zu solch einer Bibelstunde begleitet. Die Aufnahme der Lehrer und ihrer Frauen war stets eine freundliche. Sie sahen es auch gern, wenn ich Familienmitglieder mitbrachte, und bewirteten uns hinterher gastfrei mit Kaffee.

Die Schule zu Burgdamm gehörte nicht zu den Schulen, in denen Bibelstunden gehalten wurden, obgleich sie ebenso weit von der Kirche entfernt war wie die zu St. Magnus. Ich habe dort einige Zeit Missionsstunden gehalten, die aber wenig besucht wurden. Dagegen fanden Missionsfeste Anklang in der Gemeinde. Alte Leute erinnerten sich noch, wie Ludwig Harms einst auf einem Missionsfest in Lesum gepredigt hatte. Ich habe in Lesum vier Missionsfeste veranstaltet, eins gleich im Sommer 1907, zu dem ich Haccius und meinen einstigen Schüler August Steinmetz gebeten hatte. Steinmetz' Art zu reden erinnerte mich an seinen Vater. Mehr Eindruck machte aber auf die Hörer Haccius. Bei einem späteren Missionsfest redeten Tamm, damals noch Pastor im Altenbruch, der früher an der Lesumer Privatschule gestanden hatte, und der feurige Mallow. Zu einem folgenden hatte ich von Ancken, der kurz vorher als Pastor in Blumenthal eingeführt worden war und durch seine Antrittspredigt mir Eindruck gemacht hatte, und Holtermann aus Geestemünde gebeten. Beim letzten endlich, zum Herrnhuter Jubeljahr 1922 gehalten, sprachen Goßmann und Diethe von St. Stephani in Bremen. Ein jährliches Missionsfest im Bereiche der Inspektion wurde in Scharmbeck gehalten. Dort habe ich auch einige Male geredet. Ferner einmal in Ritterhude und einmal im Hambergen. Wiederholt wurde ich zu Schlussansprachen in Grohn aufgefordert. In anderen Parochien der Inspektion wurden zu meiner Zeit Missionsfeste nicht gehalten. Nur Cuntz in Aumund veranstaltete jährlich am Abend des ersten Advents eine Missionsstunde, zu der ich aber nicht kommen konnte, weil wir zu gleicher Zeit in Lesum Gottesdienst hatten. Nur einmal kam ich hinterher auf Cuntz' Einladung hin und lernte da den alten Wörrlein kennen. Einige Male habe ich von Lesum aus auch noch auf auswärtigen Missionsfesten gepredigt. Einmal in der durch Emil Steffens Roman Die Freigemeindler bekannten freikirchlichen Gemeinde Bergkirchen in Lippe-Detmold, wo ich mit dem Inspektor der Goßnerschen Mission Römer zusammenwirkte, einmal in Düshorn, und einmal wie vorhin erwähnt in Hermannsburg. Dann gab mir auch der Umstand, dass ich zwei geistliche Kinderhäuser hatte, Veranlassung zu Missionspredigten. 1915 redete ich auf dem Missionsfest in Wriedel und 1917 am Epiphaniastage, der in den kirchlichen Gemeinden des Osnabrückschen noch am 6. Januar gehalten wird, in Neuenkirchen.

Einen jährlichen Missionsgottesdienst veranstaltete ich, ich weiß allerdings nicht mehr genau, von welchem Jahr an, am Abend unseres Epiphaniensonntages. Die Veranlassung dazu war eine äußere. Im Bremer Kirchenblatt, das ich gehalten habe, bis es in der Inflationszeit einging, las ich eines Tages, dass um die Neujahrszeit Ludwig SchnellerLudwig Schneller (1858-1953) war ein evangelischer Theologe. Neben seinen Verpflichtungen im Pfarramt in Deutschland engagierte er sich für das Syrische Waisenhaus, eine missionarisch-diakonische Einrichtung in Jerusalem.Klick hier für Wikipedia [46] aus Köln nach Bremen kommen werde. Ich schrieb an ihn und bat ihn, auch nach Lesum zu kommen, um von seiner Arbeit im heiligen Lande zu erzählen, indem ich es ihm freistellte, ob er in der Woche an einem zu veranstaltenden Familienabend oder Sonnabend in einem eigens einzurichtenden Gottesdienst sprechen wolle. Er wählte das zweite und erzählte in seiner frischen, anschaulichen Weise vor einer von mir durch allerlei Reklame zusammengerufenen und immerhin ziemlich zahlreichen Gemeinde. Hinterher hatten wir mit ihm noch einen netten, gemütlichen Abend im Hause. Ich habe seitdem stets an meinem Konfirmationstage eine Kollekte für das syrische Waisenhaus gesammelt. Dieser wohlgelungene Gottesdienst gab mir Veranlassung, jedes Jahr am Epiphaniensonntag einen ähnlichen zu veranstalten, bei dem ich einige Male auch die Hermannsburger Mission berücksichtigte, einmal hatte ich Haccius dazu gebeten, einmal sprach der Perser Luther PeraOstsyrischer Christ im Dienst der Hermannsburger Mission in Urmia (Iran) 1910-1915 [47], mich aber nicht auf sie beschränkte. So hatten wir einmal Boche aus Bremen bei uns, der früher im Dienst der Betheler ostafrikanischen Mission gestanden hatte, von der er in höchst ansprechender Weise berichtete, einmal Frick aus Bremen, einmal Wolff, der damals in Burgwedel war und in ergreifender Weise von seiner Fürsorgearbeit erzählte, und einmal Müller aus Hildesheim, den damaligen Vertreter der chinesischen Blindenmission.

Wiederholt wurden auch Familienabende sowohl von Freyer als von mir, und zwar wechselnd in Lesum, Burgdamm, St. Magnus oder Schönebeck, veranstaltet, bei denen Vorträge mit musikalischen Darbietungen wechselten. So am 300-jährigen Geburtstage Paul Gerhardts, wobei ich einen Vortrag über diesen und hernach [Johann] Buhrfeind aus Rotenburg einen über seine dortige Arbeit hielt. Unter anderen redeten auf Familienabenden Isermeyer, Otto Oehlkers an der Seemannsmission in Bremerhaven, Vietor und Frick aus Bremen, und der Waldenserprediger Calvino, den Zauleck eingeführte.

Mit dem Diakonissen-Mutterhaus hatten wir dadurch Verbindung, dass gleich im ersten Herbst, wo ich in Lesum war, eine Diakonissenstation durch den Gemeindevorstand eingerichtet wurde. Freyer hatte sich darum besonders bemüht, und dem zweiten Geistlichen wurden daher die Schwestern vom Rotenburger Vorstand unterstellt. Aber sowohl die Gemeindeschwester Dora Hollerbaum als auch die später zur Leitung eines Kindergartens berufene Emma Schlünzen verkehrten auch viel bei uns und traten uns nahe. Am Weihnachtsabend durften sie bei uns nicht fehlen.


[46] Ludwig Schneller (1858-1953) war ein evangelischer Theologe. Neben seinen Verpflichtungen im Pfarramt in Deutschland engagierte er sich für das Syrische Waisenhaus, eine missionarisch-diakonische Einrichtung in Jerusalem.
[47] Ostsyrischer Christ im Dienst der Hermannsburger Mission in Urmia (Iran) 1910-1915